Chaos: Die Manson-Morde

Dokumentarfilm | USA 2025 | 95 Minuten

Regie: Errol Morris

Ein True-Crime-Dokumentarfilm über die Manson-Morde im Jahr 1969, der anhand eines Sachbuch-Bestsellers die bisherige Erzählung über die Verbrechen korrigieren will und Manson und seine „Familie“ nicht als wirre Einzeltäter interpretiert, sondern als Werkzeuge der Staatsmacht. Mithilfe von Bildverzerrung und dramatischen Sound-Effekten wird der paranoide Zeitgeist der späten 1960er-Jahre eingefangen und zur Spiegelung der Gegenwart erklärt. Durch das dauerhafte Schwanken zwischen Affirmation und Skepsis gegenüber seinem Gegenstand erzeugt der Film vor allem Ambivalenz und wirkt unentschlossen. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
CHAOS: THE MANSON MURDERS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
Fourth Floor Productions/Moxie Pictures
Regie
Errol Morris
Buch
Errol Morris
Kamera
Robert Chappell · Igor Martinovic
Musik
Paul Leonard-Morgan
Schnitt
Steven Hathaway
Länge
95 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
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Im August 1969 begehen Anhänger:innen des Gurus Charles Manson auf sein Geheiß mehrere Morde. Der Dokumentarfilm von Errol Morris rollt den Fall der "Manson-Family" basierend auf einem Sachbuch neu auf.

Aktualisiert am
10.03.2025 - 10:32:52
Diskussion

Eine Narbe, die immer wieder abgetastet wird. Von den im August 1969 durch Anhänger von Charles Manson begangenen Morde kann die amerikanische Kultur nicht lassen. Die Essayistin Joan Didion erklärte sie in ihrem biografischen Aufsatz „The White Album“ zum offiziellen Ende der 1960er-Jahre mit all den Verheißungen von Liebe und Freiheit, Quentin Tarantino ließ die Morde vor einigen Jahren in „Once Upon a Time in Hollywood“ verhindern, rettete Sharon Tate vor dem Tod und damit die Unschuld einer Epoche.

Die permanente Auseinandersetzung mit den Taten erscheint so wenig produktiv wie unvermeidbar. Was will man den endlosen Regalmetern, Radiobeiträgen, Podcast-Aufnahmen und Video-Essays zum Thema wirklich noch hinzufügen? Errol Morris’ Antwort ist zumindest neu: ein Spiegelbild. Mit „Chaos: Die Manson Morde“ findet der Dokumentarfilm-Veteran im paranoiden Zeitgeist der späten 1960er-Jahre eine Entsprechung unserer Gegenwart.

War Manson eine Marionette der Staatsmacht?

Er adaptiert dafür das Sachbuch „CHAOS: Charles Manson, the CIA, and the Secret History of the Sixties“ von Tom O’Neill aus dem Jahr 2019. Der amerikanische Journalist präsentierte mit großem Aufklärungsgestus seine persönliche Geschichte der Tate-LaBianca-Morde. Dabei schreibt er auch gegen das Buch „Helter Skelter: Die wahre Geschichte des Serienmörders Charles Manson“ von Vincent Bugliosi an, dem Chefkläger der Manson-Prozesse.

Der Unterschied zwischen ihren Erzählungen besteht vor allem darin, dass Manson in O’Neills Version weniger ein wirrer Einzelgänger und viel mehr Werkzeug der Staatsmacht ist. Über Verweise auf geheime Regierungsprogramme wie COINTELPRO, CHAOS oder MKULTRA wird er zur Waffe erklärt, die die US-Regierung gegen Bewegungen wie die „Black Panther Party“ gebraucht haben könnte. Dafür werden schillernde Figuren wie der enigmatisch Psychiater Dr. Louis „Jolly“ West oder Manson-Kontaktmann Bobby Beausoleil befragt. Wieder einmal wird deutlich, dass das Menschenbild des Behaviorismus der 1950er-Jahre mit seinen klaren Reiz/Reaktion-Schemata und der Vorstellung vom Menschen als Blackbox bis heute nachwirkt – die kollektive Angst vor dem konditionierbaren Subjekt und dem Menschen als Pawlowschem Hund ist bis heute nicht überwunden. Der Film zeigt manipulierte Bilder zum Thema Manipulation.

Konspiratives Raunen

O’Neills fiebrig sammelnder, obsessiver Stil wird in eine Art True-Crime-Dokumentar-Collage übertragen. Die klassischen Mittel des Dokumentarfilms, von Interviewsequenzen und Archivaufnahmen bis hin zu Infografiken, werden allesamt unter leicht veränderten Vorzeichen eingesetzt. So werden etwa Bilder verzerrt, verdoppelt und stellenweise rot eingefärbt. Interviews mit O’Neill werden im Splitscreen gezeigt. Diese gespaltenen Bilder geben ein Versprechen auf Multiperspektivik, das der Film nicht wirklich einlösen kann. Natürlich erkennt man schon an seinen Interview-Fragen schnell, dass Errol Morris nicht vollends überzeugt ist von Tom O’Neills Einlassungen. Er ergänzt die Theorien um Frage- und Anführungszeichen, manchmal auch um Fußnoten. Allerdings gesteht er ihnen auch viel Raum zu, und so wirkt der Film oft, als hätte sich Morris vom kritischen Gestus und dem investigativen Furor von O’Neill verführen lassen. Er mag dessen Skepsis gegenüber der Macht genug, um sein konspiratives Raunen zu überhören. So sind seine Einwürfe wie „Falls das stimmt.“ immer nur pro forma und ergeben wenig mehr als eine Art Schulterzucken. Morris’ Quellenarbeit suggeriert, dass es auch anders sein könnte – was eigentlich selbstverständlich sein sollte bei journalistischer Arbeit.

Er verbirgt auch gar nicht erst, wie reißerisch er sich dem Stoff nähert. Gerade seine Tonspur spricht Bände, denn jede Bewegung auf dem Bildschirm, jeder Zoom und jede Hervorhebung wird mit einem lauten Geräusch quittiert. Immerzu zischt, quietscht und lärmt es. Wird in einem Interview von Messerstichen berichtet, sind auch entsprechende Sound-Effekte zu hören. „Chaos“ ist ein raschelnder, unruhiger Film, was den langen Mittelteil, in dem vor allem die Tathergänge nacherzählt werden, nicht weniger dröge machen. Der Regisseur gibt sich der sensationslüsternen Logik von True Crime hin, ohne davon wirklich zu profitieren.

„Chaos“ generiert vor allem Zweifel und Ambivalenz

Errol Morris war einst Dokumentarfilm-Adel, seine letzten Filme allerdings fast nur noch Marginalien. Vielleicht auch, weil man das Vertrauen in seine Methodologie verloren hat. Filme wie „The Fog of War“ oder „The Unknown Known“ standen in der Traditionslinie von Enthüllungsinterviews wie denen, die David Frost mit Richard Nixon geführt hat. In der heutigen Medienlandschaft würden sie wohl zwangsläufig verpuffen und zum Gummihammer werden, weil sich Wahrheitsfindung tendenziell anhand von bestehenden politischen Konfliktlinien vollzieht.

Im postfaktischen Zeitalter funktioniert ein Errol-Morris-Film also anders. „Chaos“ ist kontemporärer und generiert vor allem Zweifel und Ambivalenz. Er passt in eine Zeit, in der einst abseitige Überzeugungen wie das QAnon-Phänomen in den USA praktisch zur Staatsdoktrin geworden sind. Charles Manson wird als Monster gezeigt, das der Popkultur entsteigt und auch wieder dorthin zurückkehrt. Er fiktionalisiert die Welt um sich herum und bietet nicht Wahrheit, sondern Entertainment. Mehrfach werden Aufnahmen seiner Songs eingespielt. Nicht gerade Sirenengesänge, aber die Sinne wurden ja ohnehin von LSD und Gras vernebelt. Er wirkte anziehend, weil er ein düsteres Echo eines Rockstars oder der damaligen Gegenkultur war.

Er bleibt ewiger Bezugspunkt – für Tarantino, für Didion, für O’Neill und all die anderen Autoren –, eine unentwegt juckende Narbe, weil er mehr Geschichte als Mensch war. Kurz vor Ende des Films wird ein Gespräch mit Manson in seiner Zelle gezeigt. Er fragt: „Was soll ich in ihrer Vorstellung sein?“, und erklärt, kurz bevor er abgeführt wird, ganz bescheiden: „Die Welt wäre nicht hier, wenn ich nicht wäre.“ Als narzisstischer Gott seiner selbst arrangiert er die Dinge in seinem Kopf so, wie er sie gerne hätte. Und alle im Film tun es ihm gleich, von den Journalisten über die Juristen bis hin zum Filmemacher.

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