Was Marielle weiß
Drama | Deutschland 2025 | 86 Minuten
Regie: Frédéric Hambalek
Filmdaten
- Produktionsland
- Deutschland
- Produktionsjahr
- 2025
- Produktionsfirma
- Walker Worm Film
- Regie
- Frédéric Hambalek
- Buch
- Frédéric Hambalek
- Kamera
- Alexander Griesser
- Schnitt
- Anne Fabini
- Darsteller
- Laeni Geiseler (Marielle) · Julia Jentsch (Julia) · Felix Kramer (Tobias) · Mehmet Atesci (Max) · Moritz Treuenfels (Dr. Sören Marx)
- Länge
- 86 Minuten
- Kinostart
- 17.04.2025
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 14.
- Genre
- Drama
- Externe Links
- IMDb | TMDB
Ehedrama mit viel Sinn für Ironie um ein Paar, dessen Tochter plötzlich alle Gedanken und Empfindungen der Erwachsenen kennt.
Vater, Mutter, Kind. Eine Familie wie aus dem Katalog für gebildete deutsche Wohlstandsbürger. Schickes Einfamilienhaus in ruhiger Lage mit Carport für zwei Wagen, großzügiger Wohnbereich mit Ecksofa, Kochinsel und bodentiefen Fenstern. Im Flur hängen Kinderzeichnungen. Julia (Julia Jentsch) und Tobias (Felix Kramer), noch immer jung und attraktiv, haben sich im Leben, in ihrer Ehe und in ihren Jobs eingenistet. Bis dem Paar von seiner Tochter Marielle (Laeni Geiseler) das Leben zur Hölle gemacht wird.
Mit Marielle fängt alles an. Bildfüllend und in Zeitlupe sieht man in ihr Gesicht mit trotzigen Teenageraugen, bis ein kräftiger Schlag ihren Kopf zur Seite schleudert. Eine Mädchenhand, der bunte Nagellack blättert von den Fingernägeln. Als Julia ihre Tochter von der Schule abholt, ist diese kurz angebunden und weicht einer zärtlichen Geste aus. „Heute war Zickentag“, begrüßt sie später ihren Mann. Was die beiden noch nicht ahnen: Marielle weiß seit der Ohrfeige alles über den Alltag ihrer Eltern. Jedes Wort, jede Tat, jeder Fehltritt – bis ins kleinste Detail, Tag und Nacht.
Kein schlechter Scherz
Es sei, als erlebe sie alles selbst mit, erklärt sie den beiden später, die das anfangs noch für einen schlechten Scherz halten und erst mal mit Medienverbot reagieren. Doch bald weichen die Zweifel der Gewissheit: Julia und Tobias können ihrem Kind nichts mehr vormachen. Marielle weiß von Julias Flirt mit ihrem Kollegen, aber auch von den Schwierigkeiten ihres Vaters, als Führungskraft im Verlag anerkannt zu werden. Vor allem aber weiß sie, dass ihre Eltern ihr nicht die Wahrheit erzählen, dass sie stets etwas verheimlichen und sich besser darstellen, als sie eigentlich sind. Julia und Tobias stehen auf dem Prüfstand, nicht nur vor Marielle, sondern auch vor sich selbst und dem Lebenspartner.
Die Idee für den Film bekam Regisseur und Drehbuchautor Fréderic Hambalek, nachdem ihm ein Babyfon mit eingebauter Kamera gezeigt worden war. Dass Eltern ihre Kinder überwachen, vorgeblich um sie in Sicherheit zu wissen, wird selten hinterfragt. Was aber, wenn plötzlich das Kind den Helikopter steuert? Was passiert dann mit den Beziehungen und Machtverhältnissen innerhalb der Familie? Wie verändert man sich, wenn einem plötzlich die Privatsphäre genommen wird? Die meisten haben schließlich irgendein Geheimnis oder eine Fantasie, von der niemand erfahren soll. Wie unangenehm wäre es, wenn doch jemand davon wüsste?
In „Was Marielle weiß“ spitzt sich die Situation unweigerlich zu. Selbst- und Fremdbilder fallen in sich zusammen. Der Vater horcht bei einer Autofahrt die Tochter aus. Die Eltern liefern sich einen erbärmlichen Kampf um die Liebe ihrer Tochter und sagen Sätze, die vor allem Botschaften an das Kind sind, wohlwissend, dass es gerade mithört: „Sex ist etwas ganz Natürliches“, oder „Rauchen ist ungesund“. Das ist urkomisch und bissig, aber das Lachen kann einem zuweilen im Hals stecken bleiben. Unweigerlich fragt man sich im Verlauf des Films, wieviel man freiwillig beim Surfen auf dem Handy oder beim Online-Shopping von sich preisgibt, wieviel Überwachung es im eigenen Leben bereits gibt.
Auch Eltern sind nur Menschen
Die Leidtragende ist vor allem Marielle, die anfangs traurig, dann aber geschockt ist angesichts der offensichtlichen Fehlbarkeit ihrer Eltern und bald mit Verachtung auf ihre Erziehungsberechtigten schaut, vor allem auf Julia. Denn ihre Mutter will sich persönliche Freiheiten nehmen, die in einer monogamen Beziehung in der Regel nicht vorgesehen sind. Die Erkenntnis, dass auch Eltern Fehler und Macken haben, entwickelt sich bei Marielle nicht über Jahre hinweg, sondern von jetzt auf gleich.
Dass Marielle diese übernatürliche Fähigkeit besitzt, muss man beim Zuschauen schlichtweg akzeptieren, sonst geht dieses Gedankenspiel nicht auf. Das Mädchen steht als Persönlichkeit weniger im Mittelpunkt als seine Eltern. Marielle, die im sonnendurchfluteten, monochromen Gegenlicht immer mal wieder wissend in die Kamera schaut, ist vielmehr eine Instanz, vor der sich Julia und Tobias verantworten müssen. Das ganze Setting gleicht damit einer Versuchsanordnung mit fast schon stilisierten Figuren, die mitunter wie von einer Überwachungskamera bildlich eingefangen werden. Trotzdem nimmt einen die Geschichte mit, womöglich, weil wir alle auch Kinder oder selbst Mutter oder Vater sind. Irgendwann stehen Julia und Tobias gewissermaßen nackt mit ihren angeknacksten Persönlichkeiten da; von ihren Idealen ist dann nicht mehr viel übrig. Sie sind die geworden, die sie nie sein wollten. Der Schritt dahin war gar nicht so groß. Sie müssen damit weiterleben – und ihre Tochter auch.