Schneewittchen (2025)

Familienfilm | USA 2025 | 109 Minuten

Regie: Marc Webb

Realfilm-Adaption des berühmten Grimm’schen Märchens von der Königstochter, die nach dem Verlust von Mutter und Vater ihre bösartige Stiefmutter in Sachen Schönheit aussticht. Während ein magischer Spiegel den mörderischen Neid der Königin anstachelt, findet das Mädchen Unterschlupf bei den sieben Zwergen und die Unterstützung einer Diebesbande, um das unterjochte Königreich zurückzugewinnen. Im Vergleich zum Disney-Zeichentrickklassiker von 1937 sticht vor allem die Emanzipation der Titelfigur und die Umkodierung der Prinzenfigur heraus, während die gelungenen Musikeinlagen dank der trefflichen Besetzung einen märchenhaften Charme entfalten. Empathie, Mitmenschlichkeit und die Erinnerung an bessere Zeiten werden zur treibenden Kraft des Aufstands gegen das auf Reichtum und Selbstbespiegelung fixierte Böse. - Sehenswert ab 10.
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Filmdaten

Originaltitel
SNOW WHITE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
Marc Platt Prod./The Walt Disney Company
Regie
Marc Webb
Buch
Erin Cressida Wilson
Kamera
Mandy Walker
Musik
Jeff Morrow · Benj Pasek · Justin Paul
Schnitt
Mark Sanger
Darsteller
Rachel Zegler (Schneewittchen) · Gal Gadot (Königin) · Andrew Burnap (Jonathan) · Ansu Kabia (Jäger) · Colin Carmichael (Farno)
Länge
109 Minuten
Kinostart
20.03.2025
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 10.
Genre
Familienfilm | Fantasy | Liebesfilm | Märchenfilm | Musical
Externe Links
IMDb | TMDB

Zeitgemäße Realfilm-Adaption des berühmten Grimm’schen Märchens von der Königstochter, die den Aufstand gegen ihre mörderische Schwiegermutter wagt.

Aktualisiert am
20.03.2025 - 17:43:48
Diskussion

Was wurde über diesen Disney-Film nicht schon alles geschrieben. Es hagelte rassistische Kommentare, dass die Haut von Rachel Zegler, der Schneewittchen-Darstellerin mit Latino-Wurzeln, nicht weiß genug sei. Einen ähnlichen Aufschrei gab es kürzlich bei der „Arielle“-Verfilmung mit der schwarzen Halle Bailey. Es gab auch Geschrei, dass die Transformation des Frauenbilds und der Prinzenfigur „zu woke“ sei. Die Darstellung der sieben Zwerge war in den Augen des kleinwüchsigen Darstellers Peter Dinklage wiederum „zu unwoke“. Dieser Aufruhr in den Sozialen Medien begleitete das Warten auf die Realfilm-Adaption des Grimm‘schen Märchenklassikers, den der Disney-Konzern schon 1937 in Technicolor gegossen hatte – und mit seinem ersten abendfüllenden Spielfilm weltweit die Herzen großer wie kleiner Filmfans prägte. Entsprechend hoch waren die Erwartungen und Reaktionen – und das Sich-Winden von Disney.

Verstärkt wurden dies alles noch durch den Umstand, dass mit Donald Trump nun tatsächlich ein Regent im Weißen Haus sitzt, der sich nicht nur in der dauernden Selbstbespiegelung gefällt und sein Auftreten auf der eigenen Social-Media-Plattform als Gradmesser seiner Popularität missbraucht. Die Republikaner hatten sich in vergangenen Jahren auch zunehmend mit dem Disney-Imperium wegen dessen angeblich „woken Aktivismus“ angelegt. Mittlerweile aber rollt ja eine mächtige Gegenwelle durchs Netz: Bilder afroamerikanischer Kriegshelden verschwinden aus dem Internet, ebenso wie Informationen zu Sexualität, Pandemie und Klimakrise. Etwa nach dem Motto: Wer ist der Härteste im Land?

Vom Wünschen ins Handeln kommen

Die Schönste im „Disneyland“ ist zumindest Rachel Zegler aka Schneewittchen, die der Figur des alten Zeichentrickfilms nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten ist, sondern das überlebensgroße Vorbild auch mit einer wunderbaren Energie und Leichtigkeit auf der Leinwand lebendig macht. Gal Gadot, deren israelische Abkunft auch ein durchgehecheltes Politikum ist, mimt ihre Gegenspielerin: die bösartig aufdrehende Königin mit der tödlich spitzen Krone auf dem Kopf und einem pechschwarzen Gewand am Leib, eng und glänzend wie eine Reptilienhaut.

Schneewittchen fristet ein unterdrücktes Leben als bessere Dienstmagd im Schloss ihrer eitlen Stiefmutter; ihr Vater, der König, gilt als verschollen. Viele halten ihn für tot. Manche aber, beispielsweise der Dieb Jonathan, kämpfen in seinem Namen weiter. Der abwesende Mann ist der Hoffnungsträger des von der Königin ausgequetschten Königreichs – auch für die gutherzige Tochter, die schwer an ihrer Verantwortung für die Untertanen trägt und endlich vom Wünschen ins Handeln kommen würde.

Als der magische Spiegel der bösen Königin die innere Schönheit der jungen Konkurrentin enthüllt, entkommt Schneewittchen nur knapp dem Mordanschlag eines mitleidigen Jägers in den magischen Wald – das Zuhause der sieben Zwerge und der Bande des jungen Anführers Jonathan.

Der Apfel aber ist vergiftet und Schneewittchen stirbt. Diesmal aber ist es der Kuss eines Diebs, dank dem sich die Tochter zur Befreierin des Königreichs aufschwingt, anstatt sich mit dem Prinz in der glänzenden Rüstung aus dem Staub zu machen. Diese narrative Wendung steht eher in der Tradition der Realverfilmung „Snow White and the Huntsman“ und wirkt angesichts des vielen neuen Stoffes oft zu gestrafft. Auch Pomp und Glamour werden hier – im Unterschied zu Tarsem Singhs emanzipierter Schneewittchen-Interpretation „Spieglein, Spieglein“ eher klein geschrieben.

Emanzipation einer Märchenfigur

Bei der Bewertung des Films sollte man jenseits aller eitlen Aufregungen von Trumpisten oder Disney-Puristen durchaus beachten, dass diesem Stoff nach fast 90 Jahren eine Frischzellenkur gutgetan hat. Nicht nur, um dem Zeitgeist gerecht zu werden. Auch nicht deshalb, damit Eltern am Ende nicht all das auffangen müssen, was der Film an Unkorrektheiten produziert hat. Sondern einfach um auf die Weltlage und auf das, was darin so dringend fehlt, einzugehen. „Schneewittchen“ als Realfilm-Adaption ist nämlich mehr als die hübsch aufbereitete Flucht in eine kunterbunt ausgemalte und mit entzückenden Gesangseinlagen bestückte Märchenwelt. Es ist die Emanzipation einer ikonischen Märchenfigur, die sich deutlich eigenständiger den Fragen ihrer Bestimmung und Verantwortung stellt und sich letztlich zur Freiheitsheldin aufschwingt. Der Kuss steht nicht mehr für das lebensrettende Ende der Freiheit in der Zweisamkeit, sondern vielmehr für einen Befreiungsschlag für sich und das Königreich, was sonst meist den männlichen Figuren vorbehalten war.

Schneewittchens Waffe ist nicht (mehr) der Besen, wie sie ihn im Haus der Zwerge im Zeichentrickfilm, aber nicht bei den Gebrüdern Grimm schwingen musste. Es ist nicht der Dolch, den ihr die auf Reichtum fixierte Stiefmutter in die Hand drückt. Schneewittchens Waffe ist die Erinnerung an eine Vergangenheit, in der die Menschen einander zugewandt, freundlich und großzügig waren. Ihre Revolution, im roten Cape (!) und mit dem Volk in der Hinterhand, basiert auf Erkenntnis und der freien Entscheidung der Bürger, sich nicht in Furcht gegeneinander zu richten, sondern sich einander hoffnungsvoll zuzuwenden.

Jodler- & Schuhplattler-Exzesse

Es ist schwer, aus dieser Disney-Adaption nicht eine Antwort auf die aktuellen Zustände in den USA herauszulesen, denen sich inzwischen ja auch der Konzern unterworfen hat. Kürzlich wurde auch im Streamingdienst Disney+ die „DEI“-Strategie, kurz für „Diversity, Equity, Inclusion“, zurückgestutzt. Texteinblendungen, welche die Stereotype mancher Filme klar als falsch benannten, damals wie heute, finden sich nicht mehr. Die „Reimagine Tomorrow“-Initiative, mit der Geschichten aus unterrepräsentierten Gemeinschaften vorgestellt werden sollen, wurde gestrichen. Interpretiert wird diese Wende als Kotau vor dem neuen alten US-Präsidenten Donald Trump. Auf „Schneewittchen“, produziert unter der vorangegangenen Biden-Administration, trifft das glücklicherweise nicht zu.

Eine Sache hätte allerdings tatsächlich dem Rotstift zum Opfer fallen können: die bayerischen Jodel- und Schuhplattler-Auswüchse mancher Tanzszene, die schon im Zeichentrick von 1937 en vogue waren. Sie sind wohl der germanischen Herkunft der wahren Schneewittchen-Väter, der Gebrüder Grimm, anzulasten. Aber dieser Kritikpunkt lässt sich ausnahmsweise mal unter „Geschmackssache“ verbuchen.

 

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