Oslo-Stories: Träume

Drama | Norwegen 2024 | 110 Minuten

Regie: Dag Johan Haugerud

Eine literarisch versierte 17-jährige Schülerin verliebt sich zum ersten Mal, ausgerechnet in ihre Kunst- und Literaturlehrerin. Sie setzt aber alles daran, mit der Pädagogin intim zu werden. Ihre Gefühle und Gedanken hält sie in einem Manuskript fest, dessen Lektüre bei ihrer Mutter und Großmutter auf kontroverse Aufnahme stößt, weil es die älteren Frauen mit ihren eigenen unerfüllten Träumen und Sehnsüchten konfrontiert. Die sorgfältige geflochtene Handlung ist in ein hochgradig reflexives Erzählkonstrukt eingebunden, in dem aus drei unterschiedlichen weiblichen Perspektiven über Liebe, Sex und literarisches Schreiben nachgedacht wird. Nachhaltiger als die kunstvolle Konstruktion imponiert jedoch der solidarische Blick auf die Figuren und ihre Gefühlsregungen. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
DRØMMER
Produktionsland
Norwegen
Produktionsjahr
2024
Produktionsfirma
Motlys
Regie
Dag Johan Haugerud
Buch
Dag Johan Haugerud
Kamera
Cecilie Semec
Musik
Anna Berg
Schnitt
Jens Christian Fodstad
Darsteller
Ella Øverbye (Johanne) · Selome Emnetu (Johanna) · Ane Dahl Torp (Kristin) · Anne Marit Jacobsen (Karin) · Ingrid Giæver (Frøydis)
Länge
110 Minuten
Kinostart
08.05.2025
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
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IMDb | TMDB

Letzter Teil einer losen Trilogie über Menschen aus Oslo, in dem es um eine erste Liebe zwischen einer Schülerin und ihrer Lehrerin geht.

Aktualisiert am
17.03.2025 - 13:20:10
Diskussion

Zwischen zwei Büchern entfaltet sich eine erste Liebe. Oder eine erste sexuelle Liebe, die erste, die die Osloer Schülerin Johanne (Ella Øverbye) ihren Körper spüren lässt. Wobei, darauf legt sie im Voice-Over-Kommentar, der weite Teile des Films begleitet, großen Wert, die Geschichte ihrer Liebe bereits beginnt, bevor sie deren Objekt begegnet. Stattdessen steht ein Buch am Anfang. Ein Liebesroman, der Johanne zufällig in die Hände fällt, den sie verschlingt und der eine Sehnsucht in ihr weckt, die die 17-jährige Jugendliche zunächst gar nicht benennen kann.

Bis sie einige Monate später Johanna (Selome Emnetu) begegnet. In der Schule. Johanna ist ihre neue Französischlehrerin. Johanne ist vom ersten Moment an Hals über Kopf verliebt. Sie sucht Johannas Nähe und findet sie, indem sie sich von ihr das Stricken beibringen lässt. In Johannas Wohnung, die in der Tat wie ein extra für ein schwärmerisches Teenie-Mädchen eingerichtetes Liebesnest ausschaut. Alles ist weich und flauschig, voller warmer Farben und einem Sofa, das zum Kuscheln einlädt. Johanna kocht für Johanne Tee. Eine der schönsten Einstellungen des Films zeigt ein Teekraut, das im heißen Wasser seine Form ändert und aufquillt, wie ein vor Liebe überfließendes Herz.

Mit spitzen Nadeln gestrickt

Das mit dem Strickenlernen ist für Johanne nur ein Vorwand; zu gern möchte sie mit ihren Fingern und ihrem Körper ganz andere Dinge in Johannas Wohnung ausprobieren. Dennoch passt das Motiv in den Film. Denn „Oslo-Stories: Träume“ von Dag Johan Haugerud hat etwas von einer filmischen Strickarbeit. Die Erzählung einer ersten Liebe ist sorgfältig und achtsam geflochten. Die spitzen Nadeln des Schmerzes und des enttäuschten Begehrens, mit deren Hilfe sie gefertigt wurde, sind im Endergebnis nur noch als ferne Ahnung enthalten.

Abgefedert wird die Liebeswucht durch eine hochgradig reflexive Erzählkonstruktion. Hier kommt das zweite Buch ins Spiel. Geschrieben wird es von Johanne selbst; es erzählt die Geschichte ihrer Liebe zu Johanna. Tatsächlich tritt das Buch im Film gewissermaßen an die Stelle dieser Liebe. Just als Johanne am Ziel ihrer Träume angelangt ist und zum ersten Mal Johannas Wohnung betritt, blendet Haugerud ab. Und springt in einen anderen Handlungsstrang, in dem Johannes Mutter Kristin (Ane Dahl Torp) und ihre Großmutter Karin (Anne Marit Jacobsen) über Johannes vorläufig noch nicht als Buch publizierten Text diskutieren.

Der Voice-Over-Monolog, der vielleicht, vielleicht aber auch nicht mit Johannes Buch identisch ist, weicht einem wendigen, sich unter anderem während eines längeren Waldspaziergangs entfaltenden Dialog. Dabei kommen zwei weitere weibliche Perspektiven auf Liebe, Sex und Schreiben sowie die Frage, wie alles drei miteinander zusammenhängt, ins Spiel. Außerdem unterschiedliche Lebenserfahrungen und divergierende politische Einstellungen. Die Großmutter argumentiert klassisch feministisch, die Mutter orientiert sich eher an den Rhetoriken der jüngeren Identitätspolitik – wir haben alle unsere Geschichten und jede ist es Wert, erzählt zu werden. Ziemlich lustig ist eine Passage, in der die beiden sich über eine harsche, ideologiekritische Lesart des Films „Flashdance“ in die Haare kriegen.

Eine Frage steht im Raum

Im Raum steht nicht zuletzt die Frage, ob Johanna sich Johanne gegenüber übergriffig verhalten hat. Ob Johannes Text also zumindest auch das Protokoll eines sexuellen Missbrauchs aus Opferperspektive ist. Geschickt spielt Dag Johan Haugerud mit den von voyeuristischer Neugier kaum zu trennenden Spekulationen, die nicht nur Kristin und Karin, sondern selbstverständlich auch die Zuschauer darüber anstellen, was denn nun wirklich in Johannas Wohnung geschehen ist.

Tatsächlich liefert der Film nach und nach Antworten in Form von Rückblenden. Aber ob diese tatsächlich die „echte“ Vergangenheit zeigen, oder lediglich eine Verfilmung der literarischen (Auto-)Fiktion von Johanne darstellen, bleibt offen.

Trotz einiger etwas alberner selbstreflexiver Gags – in einer Szene stellt sich heraus, dass die dräuende Filmmusik dem Plattenspieler in Kristins Wohnung entstammt – verläuft sich der Film nie komplett in seinem fiktionalen Spiegelkabinett. Die verschiedenen Perspektiven auf Liebe und Sex, die Haugerud eröffnet, streichen sich nicht gegenseitig aus, sondern bereichern einander. Bisweilen fühlt sich der Film vielleicht arg harmonisch abgerundet an; und womöglich steht am Ende nur die Erkenntnis, dass jede erste Liebe anders und einzigartig ist. Nachhaltiger als die äußerst kunstfertig geformte Erzählung imponiert an „Oslo-Stories: Träume“ aber der unneurotische, mit jeder einzelnen Gefühlsregung solidarische Blick auf die Figuren.

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