Die aus Sibirien stammende, in Berlin lebende Dokumentarfilmerin Olga Delane kehrt nach Jahrzehnten in ihre Heimat zurück, um mit Verwandten und Bekannten über die Liebe zu diskutieren. Daraus entstand ein ebenso humorvoller wie faszinierender Dokumentarfilm, der teils berührende intime Porträts der sibirischen Dorfbewohner zeichnet, ohne jede Schwarz-weiß-Malerei konträre Lebensmodelle aufzeigt und sich dabei wohltuend jeder vorschnellen Wertung enthält.
- Sehenswert ab 14.
Liebe auf Sibirisch - Ohne Ehemann bist du keine Frau!
Dokumentarfilm | Deutschland 2016 | 86 Minuten
Regie: Olga Delane
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Filmdaten
- Produktionsland
- Deutschland
- Produktionsjahr
- 2016
- Produktionsfirma
- Doppelplusultra/Bildschön Filmprod.
- Regie
- Olga Delane
- Buch
- Olga Delane · Frank Müller
- Kamera
- Olga Delane · Nikolai von Graevenitz
- Schnitt
- Philipp Gromov
- Länge
- 86 Minuten
- Kinostart
- 16.11.2017
- Fsk
- ab 0; f
- Pädagogische Empfehlung
- - Sehenswert ab 14.
- Genre
- Dokumentarfilm
- Externe Links
- IMDb | TMDB | JustWatch
Sibirisches Panoptikum entgegengesetzter Lebensentwürfe
Diskussion
Onkel Sascha weiß ganz genau, wie Olga ihrer offensichtlichen Misere ein Ende setzen könnte: „Du solltest öfter Miniröcke tragen“, erklärt er seiner Nichte unverblümt. Es komme schließlich immer auch auf die Verpackung an. Alles andere werde sich dann schon irgendwie finden. Für solche Ratschläge hat Olga Delane, die einst als 17-Jährige mit ihren Eltern aus dem östlichen Sibirien nach Deutschland auswanderte, nur ein müdes Lächeln übrig. Schließlich lebt sie seit ihrer Übersiedlung in Berlin ein freies, selbstbestimmtes Leben, in dem Strategien der Partnerfindung etwas anders und zugleich wesentlich komplizierter sind.
Nachdem die Dokumentarfilmerin Olga Delane 2010 für ihren Film „Krasnokamensk“ in ihre alte Heimat gereist war, um vor Ort die Kollateralschäden durch Russlands größte Uran-Mine zu dokumentieren, geht sie ihre Erkundungen nahe der chinesischen Grenze nun weitaus persönlicher an. Sie trifft Verwandte und Bekannte im kleinen Dorf Onon-Borzja und fragt sie unverblümt nach ihrer Sicht der Dinge in Sachen Liebe und Beziehungen. Dabei wird schnell deutlich, dass im sibirischen Hinterland nach wie vor die klassische Rollenverteilung gilt. Die Männer sorgen dafür, dass Geld ins Haus kommt, die Frauen haben sich um Kinder, Haushalt und den Garten zu kümmern. „Und was ist mit Freiheit?“, fragt die Autorin eine ihrer Protagonistinnen. „Freiheit“, erklärt die Befragte nach kurzer Denkpause, „das ist nichts für mich“. Und wendet sich wieder ihrer Gartenarbeit zu. So treten nach und nach Frauen auf, die einerseits das klassische Rollenmodell nicht in Frage stellen, sich andererseits aber innerhalb des traditionellen Systems dennoch als selbstbewusste, starke Charaktere erweisen.
Olga Delane ist über einen Zeitraum von mehreren Jahren und zu verschiedenen Jahreszeiten in das Dorf ihrer ehemaligen Heimat gereist und hat teils berührend intime Porträts der Bewohner geschaffen. Darunter Menschen beiderlei Geschlechts, die mit sich und ihrem Dasein im Einklang leben, aber auch solche von Gescheiterten, die durch widrige Umstände dem Trübsinn und Alkoholismus verfallen sind. Ihre Brisanz bezieht die Langzeitbeobachtung letztlich aus dem Umstand, dass die Filmemacherin sich und ihre emanzipierte Existenz im fernen Berlin in Off-Kommentaren einbezieht. So fremd ihr das Leben in ihrer ehemaligen Heimat erscheint, so sehr hinterfragt sie ihre eigene Existenz als selbstbestimmte Frau. Hinzu kommt, dass ihre sibirischen Verwandten weit mehr im Einklang mit der Natur leben als sie selbst. Dies macht der Dokumentarfilm in ruhigen, pittoresken Landschaftstotalen immer wieder deutlich, wobei er sich wohltuend jeder Schwarz-Weiß-Malerei enthält, sondern ein Panoptikum diametral entgegengesetzter Lebensentwürfe anschaulich macht und deren Bewertung dem Zuschauer überlässt.
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