© IMAGO / ABACAPRESS (Émilie Dequenne in Cannes 2022)

Rosetta mit einem Lächeln - Nachruf auf Émilie Dequenne

Nachruf auf die belgische Schauspielerin Émilie Dequenne, die als 17-jähige Debütantin mit „Rosetta“ berühmt wurde. Im Alter von erst 43 Jahren ist sie am 16. März 2025 bei Paris verstorben.

Aktualisiert am
28.03.2025 - 16:39:12
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Schon mit ihrem ersten Film „Rosetta“ über eine junge Belgierin aus prekären Verhältnissen erwies sich die 17-jährige Émilie Dequenne als schauspielerisches Naturtalent und wurde 1999 in Cannes ausgezeichnet. Ihr Durchbruch in dem Sozialdrama führte in Frankreich und Belgien zu weiteren anspruchsvollen Rollen in dramatischen Stoffen, aber auch in Komödien, in denen sie selbstbewusste und eigensinnig agierende Frauen verkörperte. Mit 43 Jahren ist sie an einer aggressiven Krebserkrankung gestorben.


Zuerst sieht man lange nur den Hinterkopf der jungen Frau mit den dunklen Haaren und ihre angespannten Schultern. Bereits in der ersten Szene rennt sie, weicht Hindernissen aus und legt dabei ein Tempo vor, dass es der Handkamera schwerfällt, mit ihr Schritt zu halten. Das gilt auch für andere Momente in „Rosetta“. Die Titelfigur der belgischen Regisseure Luc und Jean-Pierre Dardenne, gerade erst an der Schwelle von der Jugendlichen zur Erwachsenen, ist immer wieder dabei zu beobachten, wie sie ihre ganze Energie in die Arbeit steckt und schwere Lasten anpackt, nur um zu zeigen, wie ernst es ihr damit ist. Und die sich verzweifelt am nächstbesten Gegenstand festklammert, wenn ihr wieder einmal das Unrecht widerfährt, trotz ihres Einsatzes entlassen zu werden.

Wenn Émilie Dequenne (29.8.1981-16.3.2025) in der Rolle dieser Rosetta dann doch endlich ihr Gesicht zeigt, überzieht eine Röte der Anstrengung die noch halbkindlichen Züge. Ihre Augen können den intendierten festen Blick nicht aufrechterhalten, sondern legen offen, wie sehr sich diese kaum 18-jährige Frau geschlagen und erniedrigt fühlt. Rosetta ist eine Verliererin aus einer Wohnwagensiedlung mit einer alkoholkranken Mutter, die keinerlei Vertrauen zu ihren Mitmenschen hat und schon länger ahnt, dass weder Aufrichtigkeit noch der Rückgriff auf unehrliche Methoden sie aus dem Dreck ziehen können.


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Würde man das Oeuvre der Dardennes mit einem einzigen Bild charakterisieren, wäre es wohl das von Émilie Dequenne aus „Rosetta“, mit dem das Duo 1999 die „Goldene Palme“ in Cannes gewann und damit den internationalen Durchbruch ihres sozialbewussten Kinos erlebte. Rosetta ist auch die ikonischste Figur ihres filmischen Kosmos, weil sie mit ihrer Energie, ihrer Widerspenstigkeit und Komplexität für den humanistischen Dardenne-Geist steht wie wohl kein anderer ihrer Charaktere. Und das nicht zuletzt dank ihrer idealen Hauptdarstellerin.

Mit 17 Jahren brilliert Émilie Dequenne in „Rosetta“ (© Peripher)
Mit 17 Jahren brilliert Émilie Dequenne in „Rosetta“ (© Peripher)

Der Film war das Debüt der 17-jährigen Émilie Dequenne aus dem wallonischen Örtchen Beloeil. Ihrer Unerfahrenheit verstand die junge Schauspielerin dabei mit naturgegebener Sensibilität und Zielstrebigkeit zu begegnen. Wie untrennbar Figur und Film miteinander verwachsen waren, begriff auch die Jury in Cannes, die der Debütantin den Schauspielerinnen-Preis zuerkannte. Fernab von der - seinerzeit mitunter auftretenden - Fehleinschätzung, es mit einer Laiin zu tun zu haben, hatten die Juroren ein Naturtalent erkannt, das mit der Auszeichnung ermutigt werden sollte, sich weiter zu entfalten.


Beharrlichkeit & Eigensinn

Ihr Durchbruch blieb an der belgischen Schauspielerin aber insofern haften, als auch viele ihrer nachfolgenden Rollen drei markante Eigenschaften der Rosetta-Figur aufgriffen. Bodenständigkeit, Beharrlichkeit und ein gewisser Eigensinn wurden zu festen Attributen von Dequennes Schauspiel-Persona. Das prädestinierte sie nicht unbedingt für Rollen in Mainstream-Arbeiten. Tatsächlich gehören ihre Auftritte in Filmen wie „Der Pakt der Wölfe“ (2001) oder „Monsieur Blake zu Diensten“ (2023) zu ihren belanglosesten.

Wo sich ihr dagegen anspruchsvolle dramatische Stoffe geboten wurden, wiederholte sich der Effekt aus „Rosetta“. Beispielsweise in „Die Frau des Leuchtturmwärters“ (2004), wo Émilie Dequenne als bretonische Eiland-Bewohnerin eine Art erdgebundenes Gegenbild zu der strahlenden Erscheinung der von Sandrine Bonnaires verkörperten Inselschönheit darbot. Oder in „La fille du RER“ (2008), in dem ihre Figur vortäuscht, Opfer eines antisemitischen Angriffs geworden zu sein, und die ihr als Schauspielerin die reizvolle Gelegenheit zu höchster charakterlicher Ambivalenz eröffnete.

Oft waren es belgische Landsleute, denen Émilie Dequenne herausfordernde schauspielerische Aufgaben verdankte. Joachim Lafosse setzte in „À perdre la raison“ (2012) auf ihre sympathische Ausstrahlung, um vom anfänglichen Glück und der zunehmenden Verzweiflung einer vierfachen Mutter zu erzählen; die Unverlässlichkeit ihres Mannes raubt ihr alle Kraft und treibt sie schließlich zum Kindsmord. Lucas Belvaux besetzte sie nach einer komödiantischen Rolle in „Pas son genre“ (2014) in „Das ist unser Land!“ (2017) als gutmütige, aber leichtgläubige Krankenschwester, die sich dazu verführen lässt, zum beschwichtigenden Aushängeschild einer rechten Partei zu werden. Erst allmählich begreift sie, wo sie da hineingeraten ist. In „Close“ (2022) von Lukas Dhont tritt sie in die zweite Reihe hinter dem Jungenpaar im Zentrum zurück, doch ist es ihre trauernde, nach Erklärungen für den Selbstmord ihres Sohnes suchende Mutter, die den Film zu seiner höchsten emotionalen Zuspitzung führt: Die unausweichliche Konfrontation mit dem 13-jährigen Léo und seinem Gefühl, den Tod seines besten Freundes verschuldet zu haben.

In die Liebeskomödie „Leichter gesagt als getan“ mit Vincent Macaigne (© Pascal Chantier/Moby Dick Films)
Noch ist die Ehe-Krise nicht evident: Émilie Dequenne in der Liebeskomödie „Leichter gesagt als getan“ mit Vincent Macaigne (© Pascal Chantier/Moby Dick Films)


Ein gewinnendes Lächeln

Émilie Dequenne trägt in diese Rollen eine enorme Einfühlsamkeit ein, die auch schon Rosetta – bei aller vermeintlichen Ichbezogenheit der Figur – nie völlig verlorenging. Darüber hinaus zeigen ihre gereifteren Charaktere oft eine große Warmherzigkeit, die sich in einem gewinnenden Lächeln ausdrückt, wie es das Gesicht der niedergedrückten Rosetta nie hätte zieren können. Damit bereichert sie neben den fordernden Aufgaben in Dramen immer wieder auch Komödien, wo sie lebensfrohe Frauen mit klaren, wenn auch mitunter sehr eigenwilligen Vorstellungen spielte. In „Laura wirbelt Staub auf“ (2002) mimt sie den trefflichen Gegenpart zum ewigen Melancholiker Jean-Pierre Bacri und in „Pas son genre“ ist sie eine Friseurin mit inbrünstiger Karaoke-Leidenschaft, die sich den Bildungsversuchen eines Philosophielehrers widersetzt.

Mit dem französischen Filmpreis „César“ wurde sie schließlich für einen Ausflug in das Liebesneurotiker-Universum von Emmanuel Mouret geehrt. In „Leichter gesagt als getan“ (2020) stellt sie die Situation auf den Kopf, als sich ihr Ehemann (Vincent Macaigne) in eine andere Frau (Camélia Jordana) verliebt, aber zögert, ihr seine Abtrünnigkeit zu gestehen. Kurzerhand beendet sie selbst die Ehe und engagiert sogar einen Schauspieler als angeblichen neuen Partner. Ihr späteres Geständnis, warum sie auf diese komplizierte Weise vorgegangen ist, lässt keine Verbitterung spüren, da sie auch im Bruch mit ihrem Liebesglück stets selbstbestimmt geblieben ist. Eine Entschlossenheit, mit der Émilie Dequenne unter den charakteristisch unsicheren Figuren von Mouret einen echten Sonderstatus einnimmt.

Als lebensfrohe Reinigungskraft in „Laura wirbelt Staub auf“ (© imago images/Prod.DB)
Als lebensfrohe Reinigungskraft in „Laura wirbelt Staub auf“ (© imago images/Prod.DB)

Von einer der vielseitigsten Darstellerinnen ihrer Generation wird deshalb weit mehr als „Rosetta“ im Gedächtnis bleiben. Als Émilie Dequenne 2023 an einer seltenen Krebsart erkrankte, hörte sie nicht mit dem Drehen auf, sondern stand bis Ende 2024 weiter vor der Kamera, darunter auch in dem programmatisch hoffnungsvoll betitelten Überlebenskampf-Thriller „Survive“. Es ist der letzte Film, dessen Premiere sie noch erlebte. Am 16. März 2025 ist Émilie Dequenne im Alter von 43 Jahren in Villejuif bei Paris gestorben.

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