© Dream Well Studio/Sacre bleu Productions/Take Five (aus "Flow")

Miau & Mythos - Gints Zilbalodis

Über den lettischen Filmemacher Gints Zilbalodis, dessen Film „Flow“ gerade mit einem „Oscar“ als bester Animationsfilm geehrt wurde und jetzt in den deutschen Kinos läuft

Aktualisiert am
21.03.2025 - 11:52:29
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Dass ein lettischer Film einen „Oscar“ als bester Animationsfilm gewinnt, hat es noch nie gegeben. Dem jungen Filmemacher Gints Zilbalodis ist bei der Verleihung der 97. Academy Awards genau das mit seinem Film „Flow“ gelungen. Sein bildgewaltiges Abenteuer um eine schwarze Katze, die sich mit anderen Tieren vor einer Sintflut auf ein Segelboot rettet, zeugt von einem ebenso eigenwilligen wie faszinierenden Stilwillen.


Wer in den Tagen vor der „Oscar“-Verleihung mit dem lettischen Filmemacher Gints Zilbalodis sprach, erlebte einen jungen Mann, der sich im Scheinwerferlicht deutlich außerhalb seiner Komfortzone bewegte: nachdenklich, schüchtern und in sich gekehrt. Doch an die Aufmerksamkeit wird er sich gewöhnen müssen. Denn sein furioser Animationsfilm Flow“, bei der sich eine Katze als Protagonistin innerhalb einer postapokalyptischen Szenerie behauptet, wurde von der Academy zum besten Animationsfilm gewählt.

Schon bei den „Golden Globes“, den „Critics Choice Awards“, in Cannes und bei den „Césars“ hatte Zilbalodis viele Nominierungen und Preise eingeheimst. Das sind viele Lorbeeren für einen gerade mal 30-jährigen Regisseur, von dem man in den kommenden Jahren sicher noch viel hören wird. „Ich wusste ehrlich gesagt nicht, dass es so viele Preise und Events gibt“, räumt Zilbalodis im Interview recht nonchalant ein.


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Die internationale Filmwelt war auf ihn bereits 2019 durch seinen animierten Spielfilm „Away – Vom Finden des Glücks“ aufmerksam geworden. Sein Debütfilm, der in kompletter Eigenarbeit entstand, ist in vielerlei Hinsicht ein erzählerischer wie ästhetischer Vorläufer von „Flow“. 

Das Vorgängerwerk zum "Oscar"-Preisträger "Flow": "Away" (© Der Filmverleih)
Das Vorgängerwerk zum "Oscar"-Preisträger "Flow": "Away" (© Der Filmverleih)

Der in 3D animierte Stummfilm „Away“, für dessen Produktion Zilbalodis rund dreieinhalb Jahre benötigte, schildert in minimalistischer Ästhetik den Überlebenskampf eines Jungen, der sich nach einem Flugzeugabsturz in einer menschenleeren Welt behaupten muss und mit einem kleinen, noch flugunfähigen Vogel Freundschaft schließt. Dabei werden sie von einer dunklen, riesenhaften Gestalt verfolgt, die den Tod zu symbolisieren scheint.


Symbolreiche Erzählwelten

Eine symbol- und metaphernreiche Erzählwelt zeigt sich jetzt auch in „Flow“. Vom menschlichen Leben findet sich darin außer Werkzeugen, Kunstgegenständen und anderen, beinahe schon archäologisch anmutenden Artefakten keine Spur. Im Zentrum steht vielmehr eine schwarze Katze, über deren ereignisreiches Leben man schon in der Eingangsszene staunt, als die Katze vor einem Rudel feindseliger Hunde flieht. Inmitten der Hetzjagd ereignet sich aber eine weitaus größere Katastrophe: eine tosende Flut begräbt das Land unter Wasser. Der Überlebenskampf führt die Katze mit anderen Tieren zusammen, darunter einem klugen Äffchen, einem sehr entspannten Wasserschwein, einem von seinem Schwarm verstoßenen Sekretärsvogel sowie einem gutmütigen Labrador.

Zilbalodis‘ Erzählweise hat nichts mit den dialoglastigen, überdrehten Animationsfilmen aus dem Hause Pixar oder ähnlichen Filmschmieden gemein. Seine Filme sind vielmehr rein visueller Natur, die komplett auf den Einsatz von menschlicher Sprache verzichten. 

Gints Zilbalodis (© Dream Well Studio/Sacre bleu Productions/Take Five)
Gints Zilbalodis (© Dream Well Studio/Sacre bleu Productions/Take Five)

„Ohne Dialoge bleiben die Bilder und die Musik im Vordergrund. Das gibt mir mehr Freiheit, um Atmosphären und Emotionen zu gestalten. Ich habe oft das Gefühl, dass Dialoge zu direkt und manchmal auch unnatürlich wirken können“, erklärt Zilbalodis seine künstlerische Methode, zu der vor allem auch der Einsatz der Animationssoftware Blender und deren Echtzeit-Render-Engine Eevee zählen.


Ein fließender, traumartiger Stil

Zilbalodis betont den wichtigen Einfluss der japanische Meisteranimateurs Hayao Miyazaki auf sein Schaffen. Dieser Einfluss zeigt sich vor allem in der Betonung der Natur als integraler Bestandteil seines Storytellings. „Flow“ präsentiert eine Synthese aus traditioneller Animation und moderner digitaler Technik – visuell faszinierend und emotional sehr wirksam. Zilbalodis‘ Animationsweise zeichnet sich durch einen fließenden, bisweilen traumartig anmutenden Stil aus, in dem Licht und Schatten ein abwechslungsreiches Spiel kreieren. Die Farbverläufe sind sanft und schaffen atmosphärisch tiefe Bilder, in denen man sich auch deshalb gerne verliert, weil Zilbalodis lange, ruhige Einstellungen wählt, die dem Blick Raum zum Verweilen bieten sowie eine Möglichkeit zum Reflektieren des Gesehenen.

„Ich wollte eine dynamische Erzählweise schaffen. Schnelle, aufregende Actionszenen wechseln mit ruhigen, kontemplativen Momenten, in denen man die Natur beobachten und reflektieren kann. Dieses Wechselspiel ist mir wichtig. Wenn alles ständig laut und hektisch ist, verliert es an Wirkung. Die Ruhephasen lassen die intensiven Szenen noch eindrucksvoller erscheinen – so wie das Leben selbst mit seinen Höhen und Tiefen.“


Teamwork lernen

Die visuelle Anmutung digital restaurierter Gemälde wird dabei gewiss nicht jedem zusagen. Doch Zilbalodis‘ Bilder sind eigen und verbinden einen hohen Wiedererkennungswert mit einer starken Ausdruckskraft. Nach der Soloarbeit „Away“ stand Zilbalodis bei „Flow“ erstmals eine größere Filmcrew zur Seite, die dem Regisseur half, seine Visionen umzusetzen. „Die Arbeit mit einem Team war eine große Umstellung. Bei ‚Away‘ war ich für alles verantwortlich, von der Animation bis zur Musik. Bei ‚Flow‘ musste ich lernen, Aufgaben zu delegieren und meine Vision klar zu kommunizieren. Anfangs war das herausfordernd, weil ich selbst oft noch keine Antworten auf die Fragen hatte, die sich stellten. Gleichzeitig war es faszinierend, die Ideen und das Talent anderer in den Film einfließen zu lassen. Das Ergebnis ist so viel besser, als ich es allein je hätte schaffen können.“

Ein Hoch aufs Teamwork, vor und hinter der Kamera: "Flow" (© Dream Well Studio/Sacre bleu Productions/Take Five)
Ein Hoch aufs Teamwork: "Flow" (© Dream Well Studio/Sacre bleu Productions/Take Five)

Es ist ein großes Abenteuer in einer Zeit globaler ökologischer Desaster, in das Zilbalodis seine bunt zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft um die kleine schwarze Katze wirft. Und doch erzählt „Flow“ nicht in vermenschlichter Form. Auch das unterscheidet den Film von der US-amerikanischen Animationstradition. Zwar finden die Charaktere im Laufe des Geschehens zunehmend zu einer gemeinsamen Sprache, doch ein Teil der Handlung, inklusive einiger mystischer Vorgänge, entzieht sich komplett dem sprachlichen Ausdruck und lässt allein auf der Bildebene eine Deutung zu. Viele Einstellungen provozieren geradezu unterschiedliche Interpretationen. Auch die Handlung entwickelt sich dementsprechend unvorhergesehen: „Wir haben bewusst darauf geachtet, die Tiere möglichst natürlich darzustellen. Aber wir mussten ihnen auch Handlungsspielräume geben, damit sie die Geschichte aktiv beeinflussen. Diese Balance zwischen Realismus und künstlerischer Freiheit war entscheidend, um die Figuren glaubwürdig und tiefgründig zu gestalten. Die Katze beginnt als eigenständiger Charakter, lernt im Verlauf der Handlung aber, dass Gemeinschaft und Zusammenarbeit ebenso wichtig sind. Dieser Wandel spiegelt Aspekte wider, die wir alle in unserem Dasein erleben.“


Der rote Faden

Charaktere, die gezwungen sind, aufgrund tiefgreifender Umwälzungen ihr Leben von Grund auf zu ändern, ziehen sich von Zilbalodis‘ erstem Kurzfilm „Oase“ (2017), in der ein Junge aus dem titelgebenden Zufluchtsort vertrieben wird, bis zu „Flow“ wie ein roter Faden durch sein junges, aber schon hochgerühmtes Werk. Auf künftige Arbeiten von Gints Zilbalodis darf man deshalb gespannt sein. Seinen „Oscar“-Gewinn kommentierte der 30-jährige Lette auf den sozialen Kanälen nur mit einem Wort: „Meow“.



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