Mutiny in Heaven - Nick Caves frühe Jahre
- | Australien 2023 | 99 Minuten
Regie: Ian White
Filmdaten
- Originaltitel
- MUTINY IN HEAVEN: THE BIRTHDAY PARTY
- Produktionsland
- Australien
- Produktionsjahr
- 2023
- Regie
- Ian White
- Buch
- Ian White
- Kamera
- Craig Johnston
- Musik
- J.P. Shilo
- Schnitt
- Aaron J. March
Doku über die australische Rockband "The Birthday Party" und ihren Sänger Nick Cave.
Die Musikdokumentation von Ian White trägt im Original den Titel „Mutiny in Heaven – The Birthday Party“. Das ist insofern eine Perspektivverschiebung, weil es sich bei „The Birthday Party“ um eine Band mit fünf ziemlich interessanten Musikern handelte – und nicht etwa „nur“ um eine frühe Karrierestation des Indie-Superstars und bibelfesten Schmerzensmanns Nick Cave.
Der wurde nur deshalb Sänger bei der Schülerband „The Boys Next Door“, weil er kein Instrument spielte und ohnehin lieber bildender Künstler geworden wäre. Diese „Boys Next Door“ sorgten in der Boheme-Szene von Melbourne Ende der 1970er-Jahre für Aufsehen, weil sie offenbar recht flamboyante und zugleich clevere Typen waren, die sich auf Entdeckungsreise begaben, was Musik, Literatur, Film und Kunst an Obskurem zu bieten hatten, um daraus eine Art Gegenkanon zu basteln. Nihilismus als Geste plus Pornografie plus Homer und Platon in der hinteren Hosentasche. „Naughty Boys“, aber belesen.
Von Melbourne nach London
Als die Eltern eines Gitarristen meinten, sie müssten ihren Sohn vor dem Einfluss von Nick Cave schützen und ihn in die USA expedierten, holte man sich von einer anderen Band einen hochbegabten Ersatz: den Sänger und Gitarristen Rowland S. Howard. Damit war „The Birthday Party“ vollständig: Frontmann und Sänger Nick Cave, die beiden Gitarristen Rowland S. Howard und Mick Harvey, der Bassist Tracy Phew und der Drummer Phill Calvert.
Getragen von ihrem Erfolg in Melbourne und angesichts der überschaubaren australischen Punk-Szene, die in dem Film so gut wie nicht vorkommt, entschieden sich die fünf jungen Musiker in einem Akt naiven Wagemuts, nach London zu übersiedeln, wo alle von ihnen bewunderten Bands zuhause waren.
Doch die Punkband „The Birthday Party“ kommt zu spät. In London hat sich der Punk kommerzialisiert. Die Zeichen stehen inzwischen auf Post-Punk – und niemand wartet auf eine Band aus Australien. Damit beginnt eine Zeit der Krise. Es gibt keine Kontakte ins Business, die fünf leben in einem kleinen Souterrain-Apartment in Armut und mit erheblichen Drogenproblemen. Trotz ein paar Gigs mit recht bekannten Bands wie Echo & The Bunnymen, The Teardrop Explodes oder The Psychedelic Furs bleibt ihre Situation unbefriedigend. London ist definitiv nicht the place to be.
Ein berserkerhafter Frontmann
Der Frust treibt die Musiker in den Proberaum, wo sie daran arbeitet, dem Unbehagen und der Wut auf die Verhältnisse musikalisch Ausdruck zu verleihen. „Mutiny in Heaven“ präsentiert das als Arbeit am Mythos, denn „The Birthday Party“ wandelt sich - zumindest in den Erinnerungen - dadurch mit allen Registern des Gebrochen-Heroischen zur gefährlichsten Band der Szene inklusive eines berserkerhaft agierenden Frontmanns. Rückblickend erscheint jedoch die Bühnenpräsenz des Bassisten Tracy Phew mit seinem queeren Cowboy-Look mindestens so provokant wie Caves Exorzismen.
Die Band provoziert und polarisiert. Eine erste US-Tournee gerät zum Fiasko. Doch allmählich wird ein Umfeld sichtbar, in dem auch andere Musiker:innen an Vergleichbarem arbeiteten. In den USA sind dies beispielsweise Lydia Lunch, Sonic Youth oder Henry Rollins; in West-Berlin Die Haut oder die Einstürzenden Neubauten.
Interessant ist, dass „Mutiny in Heaven“ trotz der durchaus überraschenden Fülle an Archivmaterial keine Gegenwart kennt. Hier ist alles Erinnerung von Überlebenden, die in Interviews rückblickend damit kokettieren oder auch staunen, dass sie einmal ganz schön hart drauf waren; die Löcher in den Erzählungen werden durch kunstvoll-pointierte Animationen gefüllt. So stehen die Live-Performances unreflektiert im Raum, was zur Behauptung passt, dass die Band ohne ästhetisches Konzept in die Konzerte gesprungen sei, um etwas Tieferes, Existentielles, Gefährliches freizulegen. Ironiefrei und humorlos.
Der Wechsel nach Berlin
Umso ironischer aber ist es, dass „The Birthday Party“ just in dem Moment sich aufzulösen begann, als sie ihren Platz im Reigen der „Berliner Krankheiten“ gefunden hatte. Der Drummer Phill Calvert musste in London bleiben, als der Rest der Band nach West-Berlin umzog, wo Nick Cave sich mit Blixa Bargeld anfreundete und zunächst „The Bad Seeds“ ins Leben rief, um anschließend seine Solokarriere als zunehmend eleganter Interpret von Feiertagsballaden zu starten. Mit Auftritten im „Himmel über Berlin“ inklusive.
Andere Ableger von „The Birthday Party“ waren, durchaus erfolgreich, Crime & The City Solution oder These Immortal Souls. Tracy Phew starb 1986, Rowland S. Howard 2009. Calvert stieg kurzzeitig bei The Psychedelic Furs ein.
Mit diesen Infos befindet man sich aber schon im Abspann von „Mutiny in Heaven“, dem mit etwas Ironie und einer erweiterten Perspektive durchaus zu helfen gewesen wäre.