True Detective: Night Country
Krimi | USA 2024 | 360 (sechs Folgen) Minuten
Regie: Issa López
Filmdaten
- Originaltitel
- TRUE DETECTIVE: NIGHT COUNTRY
- Produktionsland
- USA
- Produktionsjahr
- 2024
- Produktionsfirma
- Fox 21 Television Studios/FX Prod./HBO
- Regie
- Issa López
- Buch
- Issa López
- Kamera
- Florian Hoffmeister
- Musik
- Vince Pope
- Darsteller
- Jodie Foster (Liz Danvers) · Kali Reis (Evangeline Navarro) · Finn Bennett (Peter Prior) · Fiona Shaw (Rose Aguineau) · Christopher Eccleston (Ted Corsaro)
- Länge
- 360 (sechs Folgen) Minuten
- Kinostart
- -
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 18.
- Genre
- Krimi | Serie
- Externe Links
- IMDb | JustWatch
In der vierten Staffel der Mystery-Thrillerserie „True Detective“ führt der grausame Mord an einem Forscherteam ein Ermittlerinnen-Duo ins ewige Eis der Weiten Alaskas.
Die Szenerie dieses ungewöhnlichen Tatortes erinnert an ein Gemälde des Malers Hieronymus Bosch. Nur Stück für Stück gibt es die Details seiner Grausamkeit preis. Das eingefrorene Höllenbild, in dessen Mitte sich ein Trupp ermordeter Wissenschaftler befindet, ist langsam, aber stetig im Auftauen begriffen. Ein Eiswürfel aus dem Reich der Albträume, der seinen haarsträubenden Inhalt unnachgiebig enthüllt.
Die Polizeiermittler der fiktiven Stadt Ennis in Alaska haben den schockierenden Fund zur Beschau in die lokale Eishockeyhalle der Ortschaft nahe dem Polarkreis verbracht. Die Männerleichen sind allesamt nackt, sie winden sich im schockgefrorenen Schrecken, ihre Mienen grauenhaft verzerrt, an ihren Gliedmaßen finden sich blutige Verletzungen, die, so hat es den Anschein, die Opfer sich selbst unmittelbar vor ihrem Tod beigebracht haben.
Das mysteriöse Ende eines Forscherteams
Bei den Toten handelt es sich um die wissenschaftlichen Mitarbeiter eines Forschungslabors, das sich der Erkundung mikrobiologischer Lebensformen im Permafrostboden verschrieben hatte. Besonders eine Entdeckung jüngster Zeit verhieß den Wissenschaftlern akademischen Ruhm und die Aussicht auf einen lukrativen Lohn ihrer Mühen: ein Heilmittel gegen Menschheitsleiden wie Krebs.
Die Mitarbeiter der Polarstation waren zu Lebzeiten ein ziemlich exklusiver, elitärer Zirkel. Nach außen drang von ihrem Schaffen nur wenig. Wissenschaftlichen Austausch mit externen Kollegen pflegten sie kaum. Nur ein paar Anwohner versorgten die Männer regelmäßig mit allem Lebensnotwendigen. Als ein Servicemann die Snackautomaten der Einrichtung befüllte, fand er schließlich das Labor verlassen vor. Das Forscherteam war beinahe spurlos verschwunden, lediglich ein makabrer Fund kündete unheilvoll von ihrem Schicksal – eine abgeschnittene menschliche Zunge auf dem Fußboden. Bis dann der Fund der Leichen den Verdacht erhärtet, dass ihnen Schreckliches widerfahren ist.
Jodie Foster als abgebrühte Ermittlerin
Die vierte Staffel der HBO-Thrillerserie „True Detective“ trägt den Untertitel „The Night Country“. In den Breitengraden, in denen sich der (fiktive) Handlungsort befindet, ist der Titel selbsterklärend. An einer Reihe von Tagen im Jahr geht hier die Sonne nicht auf, das Land scheint in eine nicht enden wollende winterliche Nacht getaucht. Was das mitunter mit der kollektiven Seelenlage der Anwohner anstellt, weiß die so erfahrene wie abgebrühte Ermittlerin Liz Danvers (Jodie Foster) nur allzu gut. Regelmäßig muss sie gemütsbedingt Betrunkene aus dem Verkehr ziehen. Nicht selten stapft derweil ein Eisbär durch die verschneiten Straßen der Ortschaft, die hunderte Meilen von der nächsten größeren Stadt Fairbanks entfernt liegt.
Hauptarbeitgeber der Gemeinde ist eine Kohlenmine, die für mäßigen Wohlstand und für jede Menge Umweltverschmutzung sorgt, was wiederum zu zunehmenden Protesten, besonders bei den Mitgliedern der indigenen Community, den Iñupiat, führt. Auch Liz Danvers’ notorisch ungehaltene Kollegin Evangeline Navarro (Kali Reis) ist eine Angehörige des Volkes. Die beiden Frauen verbindet eine innige Feindschaft, die ihren Hintergrund in einem nicht abgeschlossenen Mordfall an einer jungen indigenen Frau hat.
Der aufsehenerregende Mordfall an den Wissenschaftlern der Forschungsstation führt die beiden Frauen nun erneut als Ermittlerinnen zusammen, ergänzt durch den unerfahrenen, doch scharfsinnigen Deputy Peter Prior (Finn Bennett). Mit dessen zu fragwürdigen Methoden neigenden Vater (John Hawkes), einem Ex-Cop, hat Liz Danvers noch eine Rechnung offen.
Wo die Toten umherwandern
Waren die vorangegangenen Staffeln von „True Detective“ von überwiegend männlichen Ermittlern geprägt – allen voran das mittlerweile zu Kultstatus gelangte Duo aus Woody Harrelson und Matthew McConaughey –, zeigt sich „The Night Country“ in der Hand weiblicher Cops, die sich ganz ähnlich wie ihre männlichen Kollegen der vorangegangenen Staffeln neben den harten Fakten des Verbrechens zusätzlich mit metaphysischen Fragen eines zunehmend unerklärlichen Spuks auseinandersetzen müssen. Verwackelte Handyaufnahmen der Mordopfer deuten eine gespenstische Präsenz in Ennis, Alaska an. Einem Ort, an dem sich – so der Volksmund – selbst die Toten langweilten und daher dazu neigten, umherzuwandern.
Nach Abstechern in Louisiana, Kalifornien und den Ozark Mountains findet die vierte Staffel des erfolgreichen Crime-Formats unter der Showrunnerin Issa López in den eisigen Weiten Alaskas eine ideale, existenzielle Bühne. Der abgrundtiefen Nacht und Dunkelheit halten die Bewohner der isolierten Ortschaft bunte Lichter entgegen, die die Fenster und Veranden ihrer Häuser zieren. Der Kontrast von Licht und Schatten in der Stadt lässt eine intensive Neo-Noir-Atmosphäre entstehen, in der nicht immer klar zu sein scheint, ob die Ermittlerinnen ihre inneren oder tatsächliche Dämonen bekämpfen. Fest steht nur eines: der Horror entstammt hier – ganz ähnlich wie in den Horror-Erzählungen von Stephen King – aus dem Allzu-Menschlichen, aus dem Schmerz von Verlust und Einsamkeit, der uns alle beizeiten befällt.
Ein ins Eis gehauenes Plot-Labyrinth
Die emotionale Wucht der Erzählung auch in Passagen, in denen es um die Entwurzelung der Ureinwohnerschaft Alaskas geht, wird nur in seltenen Momenten geschmälert, in denen sich die Serienmacher auf allzu oberflächliche Schock- und Gruselmomente aus der Trickkiste, wie etwa „Jump Scares“, verlegen. Gemeinsam mit den Ermittlern begeben sich die Zuschauer in ein mit gekonnten Hieben ins Eis gehauenes Labyrinth, an dessen Ausgang stets etwas Unaussprechliches zu lauern scheint. Die Schauspielleistungen – insbesondere die der ungeheuer präsenten Kali Reis – wissen dabei ebenso zu überzeugen wie der ausgeklügelte Plot mit seinen reichen visuellen Anspielungen und Referenzen, die von „Akte X“ bis zu John Carpenters „The Thing“ reichen.
Zum sensationell gut aufgelösten Showdown gehört auch die Frage, ob nun tatsächlich Übernatürliches für all den Spuk in Ennis verantwortlich ist oder doch nur menschliche Schandtaten. Angesichts der nicht enden wollenden Nacht und Abgründe wirkt zumindest die Gewissheit beruhigend, dass am Ende einer jeden noch so langen Nacht irgendwann die Sonne aufgeht. Gut, dass eine der beiden Heldinnen das Phänomen dieses ersten sich abzeichnenden Lichts im (indigenen) Namen trägt.