Simón de la Montaña
Drama | Argentinien/Chile/Mexiko/Uruguay 2024 | 96 Minuten
Regie: Federico Luis
Filmdaten
- Originaltitel
- SIMÓN DE LA MONTAÑA
- Produktionsland
- Argentinien/Chile/Mexiko/Uruguay
- Produktionsjahr
- 2024
- Produktionsfirma
- 20/20 Films
- Regie
- Federico Luis
- Buch
- Federico Luis Tachella · Tomas Murphy · Agustín Toscano
- Kamera
- Marcos Hastrup
- Musik
- Hernán González Villamil
- Schnitt
- Tomas Murphy · Andres Medina
- Darsteller
- Lorenzo Ferro (Simón) · Pehuén Pedre (Pehuén) · Kiara Supini (Colo) · Laura Nevole (Mutter) · Agustín Toscano (Agustín)
- Länge
- 96 Minuten
- Kinostart
- 27.03.2025
- Pädagogische Empfehlung
- - Sehenswert ab 16.
- Genre
- Drama
- Externe Links
- IMDb | TMDB
Außergewöhnliches Drama um einen jungen Mann mit kognitiven Beeinträchtigungen, der nach seinem Platz im Leben sucht.
„Wie heißt du?“ – „Simón.“ „Wie alt bist du?“ – „21.“ „Was bist du von Beruf?“ - Umzugshelfer. Die entscheidenden Informationen über die Hauptfigur des Films „Simón de la Montaña“ erhält man anscheinend schon in den ersten Sekunden. Zu sehen ist das Gesicht eines jungen Mannes in Großaufnahme, der von einer anderen Figur, die sich außerhalb des Bildausschnitts befindet, befragt wird. Er gibt bereitwillig Auskunft, auch, als die Fragen spezifischer werden: „Kannst du dein eigenes Bett machen?“ – „Nein.“ Und doch lässt die Eingangssequenz vieles im Unklaren. Zum Beispiel irritiert, dass Simón seine Lippen nicht nur bewegt, wenn er selbst spricht, so als ob er auch die Redebeiträge seines Gesprächspartners stumm mitformulieren würde. In gewisser Weise ist das Gespräch auch ein Selbstgespräch. Und was hat es mit den nervösen, zwanghaft anmutenden Kopfbewegungen auf sich, die Simóns Worte begleiten?
Auf Distanz und auf Nähe aus
Die folgenden Szenen scheinen zunächst Licht ins Dunkel zu bringen. Simón (Lorenzo Ferro) und auch sein Gesprächspartner Pehuén (Pehuén Pedre) sind Teil einer Gruppe junger Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Zunächst begegnet man ihnen während eines gemeinsamen Ausflugs in den Bergen. Dann folgen Szenen ihres Alltags in einer Art Betreuungseinrichtung, Simón bleibt zunächst auf Distanz zu den anderen. In einem Schwimmbad beobachtet er, den Kopf knapp über der Wasseroberfläche, wie Pehuén mit einem Mädchen anbandelt. Er folgt den beiden, auf Anweisung Pehuéns, auf die Damentoilette und wird, nicht zum letzten Mal, zum Voyeur.
Doch eben, als die Verhältnisse sich zu sortieren beginnen, tauchen neue Irritationen auf. Simón ist, so stellt sich heraus, gar nicht bei der Einrichtung gemeldet. Tatsächlich lebt er bei seiner Mutter und deren Freund, dem er bei Wohnungsauflösungen zur Hand geht. Die Mutter versteht auch nicht, was es mit den erratischen Kopfbewegungen ihres Sohnes zu tun hat, als es in der Pflegeeinrichtung zu einer Konfrontation kommt. Die sind neu, sagt sie, früher hat er so etwas nicht gemacht.
Ganz klärt sich die Situation nicht. Nicht in dieser Szene und auch sonst nicht mehr im Film. Die Kamera ist meist nah bis Simón, oft sehr nah, aber er teilt sich ihr nicht hinreichend mit. Hat er sich unter falschem Vorwand in die Gruppe der jungen Leute geschlichen? Nutzt er sie aus, am Ende gar für erotische Fantasien? Oder löst die Begegnung mit ihnen erst etwas in ihm aus?
So oder so kann man die Faszination, die seine neuen Freunde auf Simón ausüben, nachvollziehen. Wo seine Mutter auf Distanz bleibt und kaum die Nähe ihres Sohnes sucht, sind Pehuén und die mehrheitlich weiblichen Heimbewohner ihm zugewandt, herzlich, lebensfroh. Einige der Mädchen sind auch sexuell fordernd, in einer ziemlich direkten Manier, was sowohl Simón als auch Pehuén tendenziell überfordert.
Was ist normal, was weniger?
Wie wird Normalität, wie Abweichung hergestellt? Es ist Pehuén, der Simón rät, sich „idiotischer“ zu stellen, als er ist, um an das Behindertenzertifikat zu gelangen, das Simón braucht, um dauerhaft Teil der Gruppe im Heim zu werden. Die Sachbearbeiterin in der Behörde, die die beiden aufsuchen, lacht Simón freundlich, aber auch herablassend an, als der seine Show aufführt. Wie alle Autoritätspersonen, die im Film auftauchen, kann auch sie nicht Teil des Spiels werden, das Simón, Pehuén und die anderen spielen.
Dieses Spiel wird zwischendurch freilich ziemlich ernst. Die Situation droht insbesondere während eines Ausflugs an einen See zu eskalieren, den die Gruppe gemeinsam unternimmt. Schon die Anfahrt hat es in sich. Die Mädchen toben auf der Rückbank und werfen mit Chips um sich. Vorne überlässt Simón Pehuén, der vorher noch nie Auto gefahren ist, das Steuer. Später, am See, geschieht ums Haar eine Katastrophe, die nur durch Simóns beherztes Einschreiten verhindert wird.
Hat Simón nun doch eine Grenze überschritten, die er nicht hätte überschreiten dürfen? Das wäre vermutlich zu moralisierend gedacht, aber zumindest wird in dieser Szene die Grenze, die Simón von seinen jungen Freunden trennt und die während der vorangegangenen Autofahrt fast komplett unsichtbar geworden war, plötzlich wieder sichtbar.
Auf faszinierende Weise offen
Norm und Abweichung verweisen wieder aufeinander. Da ist eben doch eine Differenz, die sich nicht ganz auslöschen lässt, wozu auch beiträgt, dass Simón von einem professionellen Schauspieler, Lorenzo Ferro, verkörpert wird, die anderen Heimbewohner hingegen von Laiendarstellern gespielt werden. Nur: Was diese Differenz für den Einzelnen bedeutet, wie sie überhaupt entsteht und was passiert, wenn er sie, aus welchen Gründen auch immer, ignoriert – all das bleibt im Film von Federico Luis auf durchaus faszinierende Weise offen.