Eine Revolution - Aufstand der Gelbwesten
Dokumentarfilm | Frankreich 2022 | 104 Minuten
Regie: Emmanuel Gras
Filmdaten
- Originaltitel
- UN PEUPLE
- Produktionsland
- Frankreich
- Produktionsjahr
- 2022
- Produktionsfirma
- Les Films Velvet
- Regie
- Emmanuel Gras
- Buch
- Emmanuel Gras
- Kamera
- Emmanuel Gras
- Schnitt
- Karen Benainous
- Länge
- 104 Minuten
- Kinostart
- 12.01.2023
- Fsk
- ab 12; f
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 14.
- Genre
- Dokumentarfilm
- Externe Links
- IMDb | TMDB | JustWatch
Beobachtender Dokumentarfilm über die französische „Gelbwesten“-Protestbewegung und die Motive der dort kämpfenden Menschen.
Zahlreiche Menschen haben sich an diesem Abend in der Halle versammelt: Die Mitglieder der „Gelbwesten“-Sektion in Chartres sind zusammengekommen. Um sich gegenseitig Mut zu machen und Forderungen an die Politik zu formulieren. Viele tragen die Fahne der Tricolore. Benoit, ein hagerer Mann mit rasiertem Haar, fällt mit seiner rhetorischen Kühnheit besonders auf. Er prangert Liberalismus und Globalisierung an, schimpft auf Präsident Macron. Am Ende folgen die nüchternen nächsten Schritte: Morgen um 7 Uhr am Kreisverkehr vor dem Fitnessstudio! Die Menge tobt. Doch am nächsten Morgen kommen ganze acht Menschen zum Treffpunkt. Benoit ist nicht unter ihnen. Die paar Standhaften sind außer sich, fühlen sich im Stich gelassen.
Protestbewegung seit 2017
In seinem beobachtenden Dokumentarfilm „Revolution – Aufstand der Gelbwesten“ widmet sich Regisseur Emmanuel Gras einer Protestbewegung, die im Jahr nach dem Amtsantritt Macrons 2017 entstand. Eine Ökosteuer sollte eingeführt, das Benzin dadurch verteuert werden. Ökologisch klingt doch sinnvoll, was kann dagegen schon einzuwenden sein? Zum Beispiel, dass so eine Steuer keine Rücksicht darauf nimmt, dass Menschen mit kleinen Einkommen in abgelegenen Regionen sich Mobilität dann noch weniger leisten können – der regionale Zugverkehr ist kümmerlich ausgebaut und keine wirkliche Alternative.
Gras enthält sich selbst eines einordnenden Kommentars, lässt die Gelbwesten selbst zu Wort kommen. Menschen wie Benoit, aber auch Agnès, Nathalie oder Allan. Sehr unterschiedliche Menschen, die im Leben zu kämpfen gelernt haben. Sie besetzen Kreisverkehre und Mautstationen, um gegen die Maßnahmen der Regierung zu protestieren. Aber auch zuhause kommen sie zu Wort, erzählen von ihrem täglichen Kampf um ein Leben in Würde. Auch Tränen fließen, eine Frau spricht von ihrem „langsamen Abstieg in die Hölle.“
Trostloser ländlicher Raum
Chartres liegt gerade mal 90 Kilometer südwestlich von Paris, doch es fühlt sich von den dort Regierenden vergessen. Gras fängt die Trostlosigkeit des ländlichen Raums mit seinen Gewerbegebieten und Kreisverkehren ein. Mit einem schönen beschaulichen Leben hat das rein gar nichts zu tun, auch wenn aus dem Off ein Chanson erklingt, das die Kleinstadtidylle besingt.
Die Forderungen der Gelbwesten gehen über die Abschaffung der Ökosteuer weit hinaus, sie fordern die Einführung von Volksabstimmungen, manche sogar den „Frexit“, den Austritt Frankreichs aus der EU. Aber sogar ökologisch Orientierte engagieren sich hier, oder Menschen, die über Konsum im Überfluss klagen. Gras zeigt, wie schwer es ist, eine solche Bewegung nach der ersten Begeisterung in Gang zu halten. Viele resignieren in den Mühen der Ebene. Neben der Politik und der Gleichgültigkeit vieler Menschen macht den Gelbwesten auch die mediale Öffentlichkeit zu schaffen, in der sie bisweilen wie reaktionäre Hinterwäldler erscheinen.
Die beobachtende Form stößt an Grenzen
Viele der Aufnahmen in „Revolution – Aufstand der Gelbwesten“ sind schon vor Jahren entstanden. Bestimmte Entwicklungen sind nicht abgebildet: Dem Vorwurf etwa, die Gelbwesten hätten sich im Lauf der Corona-Pandemie von den Gegnern der staatlichen Schutzmaßnahmen vereinnahmen lassen, kann nicht nachgegangen werden. Anschaulich wird dagegen die Darstellung einer Demonstration in Paris gezeigt, auf der es zum Einsatz von Tränengas durch die Polizei kommt. Die von Schutzkleidung abgeschirmten und anonymen Polizisten wirken sehr bedrohlich. Die Dynamik solcher Demonstrationen und der staatlichen Reaktion lässt sich aber anhand solcher Bilder kaum beurteilen; hier stößt die beobachtende Form an ihre Grenzen.
Die Gelbwesten sind eine Bewegung der sozial und räumlich Abgehängten. Sie zu porträtieren, bedarf einer gewissen Kühnheit. Zwar ist der Film sehr im französischen Kontext verortet, manches wirkt für hiesige Zuschauer weit weg. Aber dass sich Teile der Gesellschaft abgehängt fühlen, ist in Deutschland nicht anders. Was aus dem wachsenden Gefühl der Ausgeschlossenheit entsteht, erscheint auch hier noch völlig offen.