All The Little Animals
Drama | Großbritannien 1998 | 112 Minuten
Regie: Jeremy Thomas
Filmdaten
- Originaltitel
- ALL THE LITTLE ANIMALS
- Produktionsland
- Großbritannien
- Produktionsjahr
- 1998
- Produktionsfirma
- The Recorded Picture Company
- Regie
- Jeremy Thomas
- Buch
- Eski Thomas
- Kamera
- Mike Molloy
- Musik
- Richard Hartley
- Schnitt
- John Victor Smith
- Darsteller
- John Hurt (Mr. Summers) · Christian Bale (Bobby Platt) · Daniel Benzali (Bernard "The Fat" De Winter) · James Faulkner (Stuart Whiteside) · John O'Toole (LKW-Fahrer)
- Länge
- 112 Minuten
- Kinostart
- 06.02.2025
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 14.
- Genre
- Drama | Literaturverfilmung
- Externe Links
- IMDb | TMDB
Poetisches Außenseiterdrama über einen sensiblen jungen Mann, der sich auf der Flucht vor seinem Stiefvater einem Sonderling anschließt und mit ihm auf den Straßen von Cornwall tote Tiere einsammelt und begräbt.
„Es war einmal ein Junge namens Bobby. Er lebte in einem großen Haus mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und der Maus Peter.“ Mit dieser Einblendung beginnt „All the Little Animals“ von Jeremy Thomas wie ein Märchen. Auch die Szene im Prolog, in der ein kleiner Junge mit einem jungen Fuchs im Arm auf einem Floß sitzt, das zu sanfter Musik in einer sonnigen Hügellandschaft dahintreibt, wirkt märchenhaft. Doch die traumnahe, fast idyllische Stimmung verfliegt, wenn Bobby aus dem Off erzählt, dass sein Stiefvater seine Mutter umgebracht habe. „Er hat sie zu Tode geschrien.“
Zwei Sonderlinge und ein seltsamer Auftrag
Der 24-jährige Bobby Platt (Christian Bale) führt als Erzähler durch den Film, dessen niedlicher Titel sich als trügerisch erweist. Bobby, der durch einen Autounfall in der Kindheit mental eingeschränkt ist, wirkt trotz seines Alters wie ein sanftmütiger Jugendlicher. Seine Furcht vor dem tyrannischen Stiefvater (Daniel Benzali) ist mehr als berechtigt. Der droht ihm nämlich mit der Einweisung in eine psychiatrische Anstalt, falls Bobby ihm nicht endlich seine Anteile am Kaufhaus der kürzlich verstorbenen Mutter in London überschreibt.
Doch Bobby verweigert sich und läuft weg, nachdem der Stiefvater seine Maus getötet hat. Auf einer Landstraße steigt Bobby in einen Lastwagen, der ihn nach Cornwall bringen soll. Als der Fahrer einen Fuchs auf der Straße zu überfahren droht, greift Bobby ins Steuer. Das Auto kippt um, der Fahrer kommt ums Leben, doch Bobby bleibt unverletzt. Ein anderer Mann aber hat den Unfall beobachtet: der exzentrische Mr. Summers (John Hurt), der sein Leben dem Begräbnis toter Tiere gewidmet hat. Der Aussteiger lädt Bobby in seine abgelegene Holzhütte im Wald ein. Bobby schließt sich ihm an. Fortan suchen sie gemeinsam die Straßenränder nach getöteten Tieren ab.
Eines Abends tauschen sie ihre Lebensgeschichten aus. Summers überredet Bobby, den schrecklichen Stiefvater zu besuchen, um die Dokumente zu unterschreiben, damit er endlich frei über sein Leben entscheiden kann. Als die beiden in dessen Büro in London vorsprechen, zeigt dieser sein wahres Gesicht.
Ein poetisches Filmdrama
„All the Little Animals“ ist ein filmisches Unikat. Bereits 1998 realisierte der Produzent Jeremy Thomas, der in seiner langen Karriere Filme berühmter Regisseure wie Bernardo Bertolucci, David Cronenberg, Nagisa Oshima, Nicolas Roeg, Volker Schlöndorff oder Wim Wenders produziert hat, seine bisher einzige Regiearbeit. Als Vorlage wählte er den Roman „All the Little Animals“ (1968) des schottischen Schriftstellers Walker Hamilton, der in der Tradition des psychologischen Entwicklungsromans steht. Eski Thomas, die Frau des Produzenten, schrieb das Drehbuch. Mit dem Verzug von 27 Jahren erreicht das poetische Filmdrama, das seinerzeit beim Filmfestival in Cannes lief, nun endlich auch die deutschen Kinos.
„All the Little Animals“ entzieht sich den üblichen Genrekategorien. Nach dem märchenhaften Auftakt changiert die bedächtige Inszenierung zwischen Familien- und Außenseiterdrama, Freundschaftsgeschichte, Heldenreise und Schurkenstück, ehe sie sich zum psychologischen Thriller wandelt. Neben vielen romantisch verklärten Blicken auf grüne Hügel, malerische Wälder und die imposante Steilküste Cornwalls punktet der eigenwillige Film vor allem mit einer exzellenten Besetzung. Vor allem der junge Christian Bale, der zehn Jahre zuvor in dem monumentalen Historienepos „Das Reich der Sonne“ frühen Ruhm geerntet hatte, berührt als naiver Protagonist und sensibler Einzelgänger, der im Kampf um einen Platz im Leben über sich hinauswachsen muss.
Autos sind Tötungsmaschinen
In Mr. Summers findet Bobby einen rätselhaften Mentor. Der Sonderling ist sanft und intelligent und kann sein Einsiedlerdasein scheinbar problemlos finanzieren. Mitunter wird er jähzornig, tendiert zur Misanthropie und ist auch dem Whisky zugeneigt. Zudem hat er eine dunkle Vergangenheit, die er erst spät preisgibt. Sie ist auch der Grund für seine radikale Selbstisolation und die traurige Arbeit, die er sich auferlegt hat. Enttäuscht von den Menschen, widmet er sein Leben den Tieren. „Das Auto ist eine Tötungsmaschine“, sagt er einmal zu Bobby.
Sein geradezu fanatischer Einsatz für die Rechte anderer Lebewesen geht sogar noch weiter. In einer Guerilla-Aktion stiftet er den Jüngling an, die Aktivitäten eines eitlen Schmetterlingssammlers zu sabotieren, der nachts in seinem Garten schöne Falter anlockt, um sie zu fangen und aufzuspießen. John Hurt glänzt mit seinem zurückgenommenen, aber dennoch ausdrucksstarken Spiel als vielschichtiger Charakter.
In scharfem Kontrast zu dieser ambivalenten Figur steht Bobbys Stiefvater, ein eindimensionaler Bösewicht wie aus einem Grimm’schen Märchen. Mit großer Brutalität, Habgier und einer sadistischen Skrupellosigkeit stellt er sich über moralische Normen und erinnert damit zuweilen an den legendären Geizhals aus Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“. Daniel Benzali entwirft mit Glatzkopf, schiefem Grinsen und stechendem Blick einen Ausbund des Bösen. Wenn er sich im Maßanzug ans Steuer seines Rolls Royce setzt, springt ihm die Mordlust fast aus den Augen.