© Dschoint Ventschr (Vincent Furrer in „Bagger Drama“)

Zerrissene Familien, schwindende Gewissheiten - 46. Max-Ophüls-Festival

Notizen und Beobachtungen auf dem 46. Max-Ophüls-Preis-Festival in Saarbrücken (20.1.-26.1.)

Aktualisiert am
17.03.2025 - 15:08:28
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Das deutschsprachige Filmschaffen präsentierte sich beim 46. Max-Ophüls-Preis-Festival (20.-26.1.2025) in Saarbrücken kämpferisch, politisch und mit Lust an der Provokation. Die Amtseinführung von US-Präsident Trump verlieh dem Filmfest eine aufgewühlte Stimmung, in der für Vielfalt, Toleranz und Diversität geworben wurde. Dazu passten die Wettbewerbsfilme über familiäre Strukturen als Spiegel- oder Zerrbild gesellschaftlicher Verhältnisse.


In Saarbrücken, der Geburtsstadt des Filmregisseurs Max Ophüls, geht es im Januar bei dem nach ihm benannten Filmfestival um den Nachwuchs des deutschsprachigen Films. In diesem Jahr begann das 46. Max-Ophüls-Preis-Festival (20.1.-26.1.2025) fast parallel zur großen Trump-Amtseinführungsshow in Washington und wirkte durchaus wie ein Kontrapunkt. In den Reden der Politikerinnen und Politiker sowie der Festivalchefinnen wurde gerade auch mit Blick auf die USA und die bevorstehende Bundestagswahl die Bedeutung von Vielfalt, Toleranz und Diversität unterstrichen.

Mit der Politsatire „Muxmäuschenstillx“ von Jan Henrik Stahlberg bekam das Festival zudem den passenden Eröffnungsfilm, der sarkastisch und provokant-vertraut Utopisches erzählt – vom Aufstand der Entrechteten und davon, wie schön und gerecht die Welt mit wenigen Enteignungen einiger unverbesserlicher Millionäre werden könnte. Eine Satire, die in diesen politisch hoch aufgeladenen Tagen den Nerv des Saarbrücker Publikums traf.


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Auch in den Wettbewerbsfilmen tauchte diese Sorge um die Zukunft und um das Klima teils spielerisch wie in dem Berliner Sommerfilm „Nulpen“ von Sorina Gajewski, teils kompakter in dem Dokumentarfilm „Wolken über Lützerath“ auf. Es ging aber auch um die Familie, insbesondere in den Siegerfilmen, wo familiäre Strukturen als Spiegel- oder Zerrbild gesellschaftlicher Veränderungen aufschienen oder als Ort persönlicher Sinnsuche.

Ladina von Frisching, Giulio Brizzi in „Ungeduld des Herzens“ (© Jan David Gunther)
Ladina von Frisching, Giulio Brizzi in „Ungeduld des Herzens“ (© Jan David Gunther)

Klassengegensätze

„Was seid ihr eigentlich für Leute?“, fragt Edith ihren Freund Isaac. „Einfach so Menschen ins Gesicht schlagen!“ Die Liebe zwischen dem Bundeswehrsoldaten Isaac und der Bauunternehmertochter Edith ist ebenso frisch wie zerbrechlich, denn die Klassengegensätze sind offensichtlich. Auch wenn der Film soziale Klischees gegen den Strich bürstet, zeigt er, wie der vermeintlich bildungsferne Soldat am Flügel der Familie Schwarz leichthändig eine Sonate spielt und die Tochter aus gutem Hause vor ihrem Unfall, der sie an den Rollstuhl fesselte, Motocross gefahren ist.

Die Liebesgeschichte entwickelt sich im Berliner Randbezirk Hellersdorf zwischen Bowlingbahn, Plattenbau und der Villa des verwitweten Bauunternehmers mit zwei unterschiedlichen Töchtern. Der Film „Ungeduld des Herzens“ lebt von seiner ruhigen, mitunter fast bleiernen Atmosphäre, in der immer wieder Spannungen aufflackern – unterschwellige Gefühle, die institutionalisierte Gewalt der jungen Soldaten und Soldatinnen sowie die Trauer und Ohnmacht Ediths angesichts der unheilbaren Lähmung.

Der Film wirft Fragen auf und deutet an, gibt aber die Geheimnisse seiner Protagonisten nicht preis. „Ungeduld des Herzens“ wurde mit dem Preis für den besten Spielfilm ausgezeichnet. Der Debütfilm von Lauro Cress ist eine freie Adaption des 1939 veröffentlichten gleichnamigen Romans von Stefan Zweig. Der Film besticht auch durch sein hervorragendes Schauspielensemble. Ladina von Frisching erhielt für ihre Darstellung der Edith den Preis als beste Nachwuchsschauspielerin, während Giulio Brizzi als Isaac den Preis für den besten Nachwuchsschauspieler gewann.

Barbara Philipp, Jennifer Sabel in „Ich sterbe, kommst du?“ (© Mafilm/A.Thomaß)
Barbara Philipp, Jennifer Sabel in „Ich sterbe, kommst du?“ (© Mafilm/A.Thomaß)

Tanz der Bagger

Auch „Bagger Drama“ von Piet Baumgartner erzählt subtil und gleichzeitig eindringlich von der Last familiärer Bindungen. Hier steht ein Familienbetrieb im Zentrum, bei dem Bagger verkauft, vermietet und repariert werden. Die Firma ist die selbstverständliche Basis der Familie, bis der Tod brutal und unerwartet alles in Frage stellt. Der Film geht leise, mit vielen Zwischentönen und immer ganz nahe an den Protagonisten auf die Selbstzerstörung einer Familie nach dem Unfalltod der jüngsten Tochter ein. Der Sohn will nur noch fort, der Vater verliebt sich in jemand anderen, und die Mutter muss überleben und sich in alten Zusammenhängen neu definieren. Das Geschäft mit den Baggern gibt keinen Halt mehr. Was gestern noch stabil war, hat heute schon keinen Wert mehr. „Bagger Drama“ wurde für die beste Regie und das beste Drehbuch ausgezeichnet.

In „Scham“ reist Aron im Winter in sein bayerisches Heimatdorf, um sich nach Jahren mit seiner Mutter auseinanderzusetzen. Er hat schreckliche Erinnerungen an seine Kindheit in einem gutbürgerlichen Einfamilienhaus. „Ich will nicht, dass das meine einzige Erinnerung ist“, sagt Aron und sehnt sich nach Zärtlichkeit und Mutterliebe. Doch die Mutter hat ebenso negative Erinnerungen: „Ich habe mich geschämt, weil du pervers bist und immer schon pervers warst!“

Mutter und Sohn kommen sich nicht näher in dem grausamen Duett der Erinnerungen und Vorwürfe, das gleichzeitig ein Duell ist. Sie filmen sich gegenseitig mit den Handykameras. Der Splitscreen zweier Personen im selben Raum verdeutlicht die unüberwindliche Distanz. Und doch gibt es minimale Fortschritte, kleine Momente des Erweichens, wenn Mutter und Sohn gemeinsam am Essenstisch sitzen.

Die ökumenische Jury zeichnet „Scham“ von Lukas Röder aus, der in seiner brutalen Offenheit und seiner geradezu selbstzerfleischenden Psychologie an „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ erinnert. Der Film ist ein Kammerspiel, ein bedrückendes Gefängnis der Erinnerungen an körperliche Gewalt und Unterdrückung, das in der emotionalen Direktheit der beiden Hauptfiguren zwischendrin fast dokumentarisch wirkt.

Til Schindler, Heike Hanold-Lynch in „Scham“ (© Philip Gröning Filmproduktion GmbH)
Til Schindler, Heike Hanold-Lynch in „Scham“ (© Philip Gröning Filmproduktion GmbH)

Sterben

Auch in „Ich sterbe. Kommst du?“ geht es um komplexe Erinnerungen, um Dinge, die nie ausgesprochen wurden, um unbewältigte Konflikte und die Frage, was man noch regeln kann, so kurz vor dem Ende. Eine junge Frau hat den Kampf gegen den Krebs verloren und will ihre letzten Tage im Hospiz verbringen. Ihr Verhältnis zu ihrer Mutter ist kompliziert; die Mutter hat ihren sechsjährigen Sohn an sich genommen, weil der Junge Angst vor seiner sterbenden Mutter hat.

Das ist der tragische Ausgangspunkt für einen Film, der in eine unbekannte Welt führt: den Umgang mit Sterbenden im Hospiz. Es gelingt ihm dabei, eine Gelassenheit zu entwickeln, die nie verharmlosend oder kitschig fromm wirkt, sondern eine Stille erzeugt, die trotzdem den Kampf gegen das Unabänderliche nachfühlbar macht – die fragile Gemeinschaft der Sterbenden und der Pflegenden, die Abschiede, die letzten Fragen und die letzten Antworten. Ein Thema, das jeden betrifft. Ganz hervorragend ist die Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin Jennifer Sabel.

„Ich sterbe. Kommst du?“ von Benjamin Kramme erhielt den Publikumspreis und den Preis für den gesellschaftlich relevanten Film. „Wer diesen Film sieht“, heißt es am Ende der Jurybegründung, „braucht vor nichts Angst haben.“

Auch in „Rote Sterne überm Feld“ von Laura Laabs kehrt die Protagonistin in ihr Heimatdorf zurück, ins alte Bauernhaus des Vaters. Aber sie ist auf der Flucht. Ihre Kunstaktion, heimlich die Bundesflaggen gegen rote Fahnen auszutauschen, wird von Polizei und Geheimdiensten als terroristischer Akt gewertet. Tine muss untertauchen, ausgerechnet in Bad Kleinen, dem Dorf am See, wo es 1993 einen tödlichen Polizeieinsatz gegen den RAF-Terroristen Wolfgang Grams gab. Doch das ist nicht alles. Als im Moor ein Skelett gefunden wird, versinkt Tine immer mehr in dem Morast aus verdrängter Vergangenheit und unbewältigten Geschichten – von der NS-Zeit über die Stasi bis zur Abwicklung der LPG in der Wendezeit. Immer dasselbe Dorf, immer dieselben Menschen.

„Rote Sterne überm Feld“ ist ein erzählerisches Feuerwerk, aber auch eine Reise durch die Filmgeschichte. Umgesetzt in CinemaScope und Super-8, in ausgeblichenen und grellen Farben oder in Schwarz-weiß, um am Ende in der Vision eines gigantischen Totentanzes zwischen Windrädern zu enden. Der Film erhielt den Preis der Filmkritik.

„Rote Sterne überm Feld“ (© Carlos Vasquez/Amerikafilm)
„Rote Sterne überm Feld“ (© Carlos Vasquez/Amerikafilm)


Die wichtigsten Preise beim 46. Max-Ophüls-Preis-Festival


Bester Spielfilm: Ungeduld des Herzens

Bester Dokumentarfilm: The Life of Sean Delear

Bester mittellanger Film: Garnelius

Bester Kurzfilm: God is Grey

Beste Regie: Piet Baumgartner für Bagger Drama

Bestes Drehbuch (Fritz-Raff-Drehbuchpreis): Piet Baumgartner für Bagger Drama

Bester Schauspielnachwuchs: Giulio Brizzi & Ladina von Frischling für Ungeduld des Herzens

Gesellschaftlich relevanter Film: Ich sterbe. Kommst du?

Beste Musik in einem Dokumentarfilm: HVOB für To Close Your Eyes and See Fire

Preis der ökumenischen Jury: Scham

Preis der Filmkritik – Bester Spielfilm: Rote Sterne überm Feld

Preis der Filmkritik – Bester Dokumentarfilm: To Close Your Eyes and See Fire

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