Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes
Biopic | Deutschland 2025 | 104 Minuten
Regie: Edgar Reitz
Filmdaten
- Produktionsland
- Deutschland
- Produktionsjahr
- 2025
- Produktionsfirma
- if... Productions
- Regie
- Edgar Reitz
- Buch
- Gert Heidenreich · Edgar Reitz
- Kamera
- Matthias Grunsky
- Musik
- Henrik Ajax
- Schnitt
- Anja Pohl
- Darsteller
- Edgar Selge (Gottfried Wilhelm Leibniz) · Aenne Schwarz (Aaltje Van De Meer) · Lars Eidinger (Pierre-Albert Delalandre) · Michael Kranz (Liebfried Cantor) · Antonia Bill (Königin Sophie Charlotte von Preußen)
- Länge
- 104 Minuten
- Kinostart
- 18.09.2025
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 16.
- Genre
- Biopic | Drama | Historienfilm
- Externe Links
- IMDb | TMDB
Kunsthistorisches Diskursdrama um den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, der Anfang des 18. Jahrhunderts porträtiert wird und mit seiner aufgeschlossenen Malerin und anderen Personen intellektuelle Gespräche führt.
92 Jahre alt ist Edgar Reitz, und er hat im Laufe seiner langen Karriere gleich zwei deutsche Mediengeschichten entscheidend mitgeprägt: die des Kinos und die des Fernsehens. Beweisen muss der Mitunterzeichner des „Oberhausener Manifests“ und Regisseur der gefeierten „Heimat“-Reihe niemandem mehr etwas. Genau das sieht man seinem neuen Film auch an.
„Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes“ ist ein Konversationsstück im klassischen Kinoformat 1,375:1. Das in diesem Fall freilich weniger aufs Kino verweist als auf eine andere Kunstform: die Malerei, insbesondere die des zu Leibniz’ Lebzeiten in voller Blüte stehenden Barocks. Die meist statischen Kompositionen – hauptsächlich ziemlich dunkle Innenszenen, punktiert durch Aufnahmen einer geometrisch zugerichteten Parkanlage – evozieren einerseits selbst die harmonisch in sich ruhende Visualität alter Gemälde; andererseits ist die Malkunst, wie bereits der Titel verrät, auch auf der Inhaltsebene präsent.
Eine kunsthistorische Spekulation
Genauer gesagt handelt es sich bei Reitz’ „Leibniz“ um eine ins Kino übersetzte kunsthistorische Spekulation: Was wäre, wenn Leibniz zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Hannover’schen Schloss Herrenhausen Modell gestanden hätte für ein von Sophie Charlotte von Preußen in Auftrag gegebenes Porträtbild? Die Chronik dieses streng genommen nicht nur verschollenen, sondern fiktiven Gemäldes (aber, könnte Reitz mit Recht einwenden: worin besteht da genau der Unterschied?) erweitert sich zu einem mit Geistesgeschichte getränkten Zeitbild.
Es beginnt mit einem Fehlstart. Der erste Maler, den Sophie Charlotte (Antonia Bill) engagiert, trägt den Namen Pierre-Albert Delalandre (Lars Eidinger), und er plant, Leibniz (Edgar Selge) strikt nach Schema zu malen. Schon bevor er überhaupt auf den Großphilosophen der Aufklärung trifft, hat er „Rohfassungen“ des Gemäldes erstellt: sie zeigen, in mehreren Variationen, einen edel bekleideten Mann mit Perücke; lediglich das Gesicht ist noch weiß geblieben – und soll jetzt noch schnell nachgetragen werden. In einer ziemlich lustigen Szene versucht Delalandre, Leibniz dazu zu bringen, genauso dreinzuschauen, wie er sich einen Philosophen vorstellt. Doch egal wie Leibniz die Brauen runzelt oder den Mund verzieht: Es will einfach nicht gelingen.
Die Realisierung von Freiheit
Der erste Versuch wird abgebrochen. Der zweite bringt Aaltje van de Meer (Aenne Schwarz) ins Spiel, eine niederländische Malerin, die sich, um an den lukrativen Auftrag zu gelangen, zunächst als Mann ausgeben und ihr langes Haar unter einer Kappe verbergen muss. Bald darf es jedoch wieder frei über ihre Schultern fallen, was gut zu ihrer Kunst passt. Nicht, weil van de Meer besonders „weiblich“ malen würde (Geschlechterfragen werden überhaupt kaum thematisiert im Film); sondern, weil Malerei für sie nicht, wie für Delalandre, die Anwendung einer Formel ist, sondern eine Realisierung von Freiheit. Nicht das Bekannte, sondern das Unbekannte will sie malen; ein Unterfangen ganz nach Leibniz’ Geschmack.
Im Folgenden entfaltet sich der Film als eine Serie philosophischer Gespräche, in die neben Leibniz und van de Meer auch noch eine Reihe anderer Figuren – unter anderem Sophie Charlotte und ein Assistent Leibniz’ namens Liebfried Cantor – involviert sind und für die das parallel entstehende Gemälde letztlich nur ein einigermaßen beliebiger Anlass ist. Zwar wird zwischendurch auch über Kunst spekuliert, zum Beispiel in Bezug auf ihr Verhältnis zu Zeitlichkeit; aber genauso sehr interessiert sich der Film, zum Beispiel, für Leibniz’ einflussreiches philosophisches Konzept der Monade, oder auch für das Problem der Legitimität von Herrschaft.
Fröhliches, freihändiges Nachdenken
All die dramaturgischen Korsette, die die meisten narrativen Spielfilme umschließen und nicht wenige von ihnen allzu sehr einengen, legt Reitz’ „Leibniz“ gar nicht erst an: keine Liebesgeschichte, kein zu entschlüsselndes Geheimnis, keine dräuenden psychologischen Konflikte. Stattdessen: fröhliches, freihändiges Nachdenken über dieses und jenes. Anders als in Roberto Rossellinis auf den ersten Blick vergleichbaren Diskurs-Historienfilmen („Sokrates“, „Blaise Pascal“, „Descartes“) wird noch nicht einmal etwas von unmittelbarer Weltbedeutung verhandelt. „Leibniz“ nimmt sich die Freiheit der philosophischen Spekulation heraus; der spröden filmischen Form zum Trotz dominiert der intellektuelle Spieltrieb.
Der Camera-Obscura-Effekt sowie eine Rechenmaschine werden vorgeführt, außerdem darf Selges chronisch verschmitzter Leibniz in die Zukunft blicken und die Prinzipien digitaler Technik sowie sogar den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag vorhersehen. Während einer der Konversationen schaut ein Emu zum Fenster herein. „Leibniz“ imaginiert eine Welt, die in erster Linie Möglichkeitsraum ist.