Drama | Brasilien/Frankreich/Niederlande 2024 | 106 Minuten

Regie: Marcelo Caetano

Ein junger Brasilianer wird aus dem Gefängnis entlassen und weiß nicht, wohin. Schließlich landet er in einem Pornokino, wo er einen Platz und Anschluss an einen älteren Dealer und Stricher findet. Der suggestive Film erzählt mit exzessiven Farben und Formen vom queeren Erwachsenwerden im Sexarbeiter-Milieu von São Paulo. Auch wenn der Traum des Protagonisten vom gesellschaftlichen Aufstieg platzt, behält das semidokumentarische Drama einen verhaltenen Optimismus bei, ohne die Schattenseiten des Milieus oder die Gewalt auf den Straßen zu kaschieren. Mit großer Empathie beleuchtet der Film dagegen die Solidarität unter den Außenseitern, die mit Humor und viel Fantasie der Düsternis trotzen. - Ab 18.
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Filmdaten

Originaltitel
BABY
Produktionsland
Brasilien/Frankreich/Niederlande
Produktionsjahr
2024
Produktionsfirma
Cup Filmes/Desbun Filmes/Plateau Prod./Still Moving/Circe Films/Kaap Holland Film/Telecine/Canal Brasil/Vitrine Filmes/Spcine
Regie
Marcelo Caetano
Buch
Gabriel Domingues · Marcelo Caetano
Kamera
Joana Luz · Pedro Sotero
Musik
Bruno Prado · Caê Rolfsen
Schnitt
Fabian Remy
Darsteller
João Pedro Mariano (Baby) · Ricardo Teodoro (Ronaldo) · Ana Flavia Cavalcanti (Priscila) · Bruna Linzmeyer (Jana) · Luiz Bertazzo (Torres)
Länge
106 Minuten
Kinostart
20.03.2025
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Drama
Externe Links
IMDb | TMDB

Drama um einen jungen Brasilianer, der innerhalb der queeren Sexarbeiter-Szene in São Paulo einen Weg ins Erwachsenwerden sucht.

Aktualisiert am
20.03.2025 - 13:55:37
Diskussion

Seine Eltern sind gegangen, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Nach zwei Jahren im Jugendgefängnis landet der 18-jährige Wellington (João Pedro Mariano) auf der Straße. In einem Pornokino, in dem sich Männer prostituieren, trifft er Ronaldo (Ricardo Teodoro), einen älteren Dealer, der auch auf den Strich geht, um sich und seinen 12-jährigen Sohn über Wasser zu halten. Ronaldo nimmt Wellington mit in seine winzige Wohnung und gibt ihm den Namen Baby. Wellington wird zu seinem Schüler und Liebhaber, der ihm irgendwann aber über den Kopf wächst.

Wie schon in „Body Electric“ (2017) zeichnet Regisseur Marcelo Caetano ein vielstimmiges Porträt von São Paulo. Die Stadt befindet sich im ständigen Wandel. Einst wohlhabende Viertel sind ziemlich verkommen. „Baby“ balanciert gekonnt zwischen Melodram, Sozialporträt und Liebesgeschichte, ohne allzu tief in das Elend der Figuren einzutauchen, die tagtäglich um ihr Überleben kämpfen.

Junge und alte Männerkörper

Caetano gehört zum „Novo Queer Cinema“ und beschäftigt sich in seinen Filmen mit sozialer Gewalt, Marginalisierung und der Suche nach sich selbst auf eine Weise, die universelle Züge trägt. Die Bindungen sind fragil, das Finden einer Zuflucht in einer feindlichen Welt ist schmerzhaft. Die vor allem farblich suggestive Inszenierung erinnert an Filme von Wong Kar-Wai, Pedro Almodóvar oder Claire Denis. Sie vermischt die Geräusche der Stadt mit intimen Szenen. Von denen gibt es entlang von jungen, alten, dünnen und korpulenten Männerkörpern reichlich. Das Drehbuch versucht in jeder Figur das Menschliche aufzuspüren, selbst in Babys Kunden, die nach dem Sex dankbar für stumme, die Einsamkeit vertreibende Umarmungen sind.

Caetano bevorzugt einen dokumentarischen Ansatz sowie Improvisation. Die Kamera filmt mit Zoomobjektiven, was den Interaktionen der Charaktere eine seltene Spontaneität verleiht. Zunächst glaubt man, dass die Geschichte der Initiation in ein Dasein als Sexarbeiter auserzählt ist. Doch dann entwickelt der gar nicht so schutzbedürftige Baby persönliche Eigenheiten. Er lässt sich nicht kontrollieren und baut sich mit der Ex-Frau von Ronaldo eine Patchwork-Familie auf. Die Suche nach seinen biologischen Eltern gelingt, doch nur die Mutter zeigt Interesse an dem vom Vater wegen seiner Queerness abgelehnten Sohn.

Auch den Kontakt zu seinen früheren Freunden, die alle Voguing-Fans sind und auf der Straße, in Bussen und U-Bahnstationen am liebsten ihre schillernden Auftritte absolvieren, lässt er sich nicht nehmen. In einem Club trifft er schließlich den wohlhabenden Alexandre (Marcelo Varzea), der nach einer Ehe und Kindern erst spät seine Vorliebe für Männer auszuleben begann.       

Der Traum vom Aufstieg verpufft

Die kurze Romanze hätte ein Wendepunkt werden können. Doch sie scheitert, als Baby einen Ex-Mithäftling trifft und seine Vergangenheit ans Licht kommt. Der kurze Traum vom Aufstieg verpufft. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als wieder bei Ronaldo anzuklopfen. Auch wenn er mitten im Straßengewühl Tränen vergießt, kehrt seine gute Laune bald zurück, wie überhaupt die meisten der bunt zusammengewürfelten Figuren viel lachen, scherzen und tanzen, wohl auch, um der alltäglichen Gewalt zu entkommen.

In diese Momente des Glücks platzt die harte Realität in Gestalt von Torres (Luiz Bertazzo), einem Drogendealer, der Baby für sich allein haben will. Der Konflikt, der sich daraus mit Ronaldo ergibt, beschleunigt dessen sozialen Absturz, der Baby vorerst erspart bleibt.

So düster die Dinge auch erscheinen mögen, bleibt Marcelo Caetano doch seiner Botschaft treu, dass in den Menschen immer auch etwas Gutes steckt. Der verhaltene Optimismus, mit dem „Baby“ endet, ändert nichts an der Direktheit, mit der zwischenmenschliche Grausamkeiten gezeigt werden. Die beiden fulminanten Hauptdarsteller, die alle Ambivalenzen ihrer mitunter auch eifersüchtigen, abgeklärten, aufbrausenden und sentimentalen Figuren überaus authentisch verkörpern, helfen, den unerbittlichen Gang der Dinge für kurze Augenblicke einer ehrlichen Nähe zu erschüttern.

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