Weihnachten in der Schustergasse

Abenteuer | Norwegen 2023 | 93 Minuten

Regie: Mikal Hovland

Ein elternloses Mädchen landet an Weihnachten 1945 in einem verschneiten Dorf in Norwegen, wo es bei einem mürrischen Schuster unterkommt, der zu seiner eigenen Tochter schon lange keinen Kontakt mehr hat. Während der Bürgermeister darauf besteht, dass die Ausreißerin wieder ins Heim zurückmuss, verändert das Mädchen durch sein offenes Wesen und einfache Fragen den alten Mann und seine Umwelt. Der liebevoll gestaltete, auf viele Details bedachte Kinderfilm erzählt ruhig und unaufdringlich von einem Weihnachtsfest, an dem die Menschen wieder ein fürsorgliches Miteinander entdecken und alte Narben langsam heilen. - Ab 8.
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Filmdaten

Originaltitel
DEN FØRSTE JULEN I SKOMAKERGATA
Produktionsland
Norwegen
Produktionsjahr
2023
Produktionsfirma
Nordisk Film Prod.
Regie
Mikal Hovland
Buch
Maren Skolem
Kamera
Torkel Riise Svenson
Musik
Gaute Storaas
Schnitt
Margrete Vinnem
Darsteller
Kaya Ekerholt McCurley (Stine) · Kåre Conradi (Schuhmacher Andersen) · Jan Sælid (Bäcker Snipp) · Håkon Seip (Jørgen) · Kristoffer Olsen (Blumenhändler Rosengren)
Länge
93 Minuten
Kinostart
14.11.2024
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 8.
Genre
Abenteuer | Animation | Fantasy | Kinderfilm
Externe Links
IMDb | TMDB

Drama um ein elternloses Mädchen, das im Winter 1945 in einem norwegischen Dorf landet und bei einem Schuhmacher Unterschlupf sucht.

Diskussion

Weihnachten ist nur noch ein paar Tage entfernt, als Stine (Kaya Ekerholt McCurley) sich aus dem Zug schleicht. Mit einigem Geschick ist sie dem Schaffner entkommen, der sie als Schwarzfahrerin verfolgt hat, und nun in dem kleinen Dorf irgendwo im norwegischen Nirgendwo gelandet. Der Dorfpolizist ist ihr auf den Fersen, doch die Türen sind alle verschlossen. Nur beim Schuster Andersen (Kåre Conradi) kann sie durch eine Klappe ins Haus schlüpfen. Das bietet ihr Sicherheit vor der Obrigkeit und vor der Kälte.

Andersen allerdings ist gar nicht glücklich über das fremde Mädchen, denn mit Gesellschaft hat er es nicht so. Einkäufe bringt ihm der Postbote, Schuhe werden durch die Klappe gereicht, er selbst ist schon lange nicht mehr vor die Tür getreten. Nur mit Mühe lässt der mürrische Mann sich darauf ein, dass das zehnjährige Mädchen bleiben darf – zumal Stine am nächsten Morgen feststellt, dass der Briefträger wegen einer Verletzung für einige Zeit ausfällt.

Unter einer dicken Schneedecke

„Weihnachten in der Schustergasse“ ist einer dieser skandinavischen Filme, in denen viel warmes Licht in beschaulichen Holzhäusern scheint. Draußen liegt alles unter einer dichten Schneedecke begraben. Es schneit immerzu, die Menschen sind altertümlich gekleidet und auch sonst ein wenig seltsam. Aber Polizist, Blumenhändler und Bäcker treffen sich regelmäßig zum Musizieren.

Wenn die Sonne mal scheint, leuchtet viel Grün und viel Rot. Und natürlich ist von Anfang an klar, dass es für Stine ein gutes Ende geben wird, was auch zuvor geschehen wird. Das ist ein Weihnachtskino, das von den allerersten Bildern an Gewissheit und Hoffnung vermittelt.

Stine selbst ist ein offenes Kind, das einfache Wahrheiten klar ausspricht: Wenn du, lieber Blumenhändler, die Frau Frantzen vom Lebensmittelgeschäft wirklich gerne magst, und sie auch dich (das habe ich gesehen): Warum sprichst du sie nicht einfach an? So findet sich ein Paar. Das kleine Mädchen weht durch diese kleine Dorfgemeinschaft wie eine sehr junge, sehr jugendfreie Mischung aus Amélie Poulain und „Rocca verändert die Welt“; sie erzeugt besinnliche Momente durch harmlose Regelbrüche.

Das erste Weihnachten nach dem Krieg

Das alles klingt schrecklich kitschig und schmalzig, ist es aber nicht. Denn zum einen gelingt es Regisseur Mikal Hovland in seinem Debütfilm, die hochemotionalen Momente durch sehr trockene Szenen abzufedern und nicht durch Tränen oder Streicher hochzujazzen. Zum anderen dräut im Hintergrund ein ganz anderes Thema: „Weihnachten in der Schustergasse“ spielt im Dezember 1945, „das erste Weihnachten nach dem Krieg“, und das wird immer wieder in Kleinigkeiten spürbar, selbst wenn sich der Film um die Spezifika des NS-Terrors herumdrückt.

Die Orangen sind rationiert, der Kirchturm im Ort ist zerschossen, die Spitze verbogen wie ein zerknitterter Hexenhut, und auch Stine selbst, das wird am Ende des Films klar, ist vom Krieg nicht unberührt geblieben. Jetzt aber will sie vor allem nicht mehr in die Mädchenschule zurück, aus der sie abgehauen ist. Ob sie noch etwas länger bei Andersen bleiben könne? Und warum er eigentlich seiner Tochter nicht schreibe, die ihm aus Australien so sehnsüchtige Karten schickt?

Einfache Fragen, großes Herz

Mit der jungen Kaya Ekerholt McCurley als Stine und dem erfahrenen Kåre Conradi als Schuster Andersen hat Hovland zwei Darsteller gefunden, die seinen Film sicher tragen, auch wenn das Drehbuch manchmal etwas bemüht wirkt; insbesondere wenn die Figuren so gar nicht nach 1945 klingen wollen – was aber vielleicht auch an der deutschen Synchronisation liegt.

Dennoch ist dieses Dorf spürbar eine kleine Welt auf der Suche nach Heilung. Der abgerissene Arm von Stines Teddybär wird angenäht; die Menschen testen vorsichtig wieder die Normalität mit weihnachtlichem Kerzenziehen, einem Straßenkonzert und kleinen Festen. Mittendrin ein kleines, seelisch versehrtes Mädchen, das einfache Fragen stellt und kleine Schubser an die anderen verteilt, die sie sich selbst nicht zutrauen.

Das ist durchaus bewegend und rührt zu Tränen, ohne ganz in eine heile Welt abzudriften, wie man sie gerne hätte. Am Ende ist der Kirchturm ganz kaputt und die Institutionen retten Stine nicht; doch dafür springt eine Kleinfamilie mit einem großen Herzen ein. Der Postbote kann wieder laufen, der Schuster verschickt einen Brief und in den kleinen Häusern leuchtet das warme Licht. Ein Weihnachtsfest mit dezent schmerzhaften Untertönen und langsam verheilenden Narben.

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