Sieben Tage
Drama | Deutschland 2025 | 113 Minuten
Regie: Ali Samadi Ahadi
Filmdaten
- Produktionsland
- Deutschland
- Produktionsjahr
- 2025
- Produktionsfirma
- brave new work
- Regie
- Ali Samadi Ahadi
- Buch
- Mohammad Rasoulof
- Kamera
- Mathias Neumann
- Musik
- Ali N. Askin
- Schnitt
- Andrea Mertens
- Darsteller
- Vishka Asayesh (Maryam) · Majid Bakhtiari (Behnam) · Tanaz Molaei (Dena) · Sam Vafa (Alborz) · Sina Parvaneh (Nima)
- Länge
- 113 Minuten
- Kinostart
- 15.05.2025
- Fsk
- ab 12; f
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 14.
- Genre
- Drama
- Externe Links
- IMDb | TMDB
Drama über eine iranische Menschenrechtsaktivistin, die sich entscheiden muss, ob sie nach Deutschland flieht oder den Menschen in ihrem Land beisteht.
Aus dem Inneren eines Koffers heraus belauscht man ein Verkaufsgespräch in einem Hamburger Kaufhaus. Während die Leinwand fast schwarz bleibt, lobt die Verkäuferin die „multidirektionalen Rollen“ des „schockabsorbierenden Systems“, in dem man gerade sitzt. Es sei „stabil und widerstandsfähig“ und „perfekt für eine Familie geeignet“. Der Mann, der den Koffer dann öffnet und vage einen Blick hineinwirft, lächelt ergeben. Vielleicht erkennt er sich in der Produktbeschreibung für Hartschalen-Rollkoffermodelle wieder? Er kauft drei Stück.
Vor schönster Elb-Kulisse
Wüsste man es nicht besser, wäre dies der Beginn einer Komödie über einen alleinerziehenden Iraner in Deutschland. Dass Regisseur Ali Samadi Ahadi diese Tonlage beherrscht, hat er schon mit seinem warmherzigen Culture-Clash-Film „Salami Aleikum“ (2009) und der absurden Actionkomödie „Die Mamba“ (2014) bewiesen. Doch das Werk des mit 12 Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflüchteten Filmemachers reicht vom beklemmenden Dokumentarfilm „Lost Children“ (2004) über Kindersoldaten in Uganda bis hin zum Animationsfilm „Peterchens Mondfahrt“ (2021). Das Schaffen des Filmemachers hat sich schon früh als ebenso multidirektional, schockabsorbierend und familienaffin herausgestellt wie die drei rosa Rollkoffer, die Behnam (Majid Bakhtiari) vor schönster Elb-Kulisse hinter sich herzieht.
Mit „Sieben Tage“ verfilmte Ahadi ein Drehbuch seines iranischen Kollegen Mohammad Rasoulof. Der wollte den Film ursprünglich selbst drehen, wurde dann aber im Iran inhaftiert. So entstand der Film binnen weniger Wochen in Georgien und im Iran. Diese Eile ist „Sieben Tage“ in mancher Hinsicht anzusehen. Es geht um eine inhaftierte iranische Menschenrechtsaktivistin namens Maryam (Vishka Asayesh). Nach einem Herzinfarkt in der Haft wird ihr ein siebentägiger Freigang gewährt. Maryam soll sich ärztlich behandeln lassen. Endlich kann sie den Bruder wieder umarmen und die Hände der alten Mutter halten. Doch alle wirken bedrückt. Nach einer Woche, so die Auflage, muss Maryam wieder ins Gefängnis zurück. Sie scheint damit einverstanden zu sein. Denn selbst dort kann sie ihrer Berufung nachgehen und Mithäftlingen mit Medikamenten versorgen. Insassinnen würden dort nicht untersucht, wenn sie kein Kopftuch tragen, erklärt sie der Kardiologin (Roxana Samadi).
Doch ihr in Hamburg lebender Mann und ihr Bruder in Teheran haben andere Pläne. Sie haben Maryams Flucht nach Deutschland vorbereitet. Nur als Angebot, versteht sich! Beide wissen, dass man Maryam am besten keine Vorschriften macht. Behnam und die beiden Teenager-Kinder Dena (Tanaz Molaei) und Alborz (Sam Vafa) reisen ihr trotzdem schon mal in die türkische Grenzstadt Van entgegen. Dorthin soll Maryam kommen und, so will es Behnam und so wünschen es sich die Kinder, dann gemeinsam mit ihnen nach Deutschland fahren.
Zwei Welten, zwei Seelen
Ali Samadi Ahadi und sein Kameramann Mathias Neumann fokussieren in „Sieben Tage“ auf die Zerrissenheit einer Frau, deren Kampfbereitschaft und grenzenlose Empathie sie vor einen Rollenkonflikt stellen. Es ist der ideologische Grenzverlauf zwischen bürgerlicher Kleinfamilie und Solidargemeinschaft. Maryam hatte ihn überwunden geglaubt; nun aber wird sie damit mit aller Wucht konfrontiert. Wenn sie zu ihrer Familie zurückkehrt, lässt sie ihre Mitstreiterinnen im Iran im Stich. Bleibt sie im Iran, gilt sie als schlechte Mutter.
Diese Brandmarkung weist Maryam als patriarchale Zumutung zwar wütend von sich, aber ihre Sehnsucht nach den Kindern stellt ihre Überzeugungen auf eine harte Probe. Sie lässt sich zunächst auf den Fluchtplan ein, behält sich aber vor, binnen Wochenfrist nach Teheran zurückzukehren. Vom Iran aus könne sie besser für die Menschenrechte kämpfen als aus dem Exil, glaubt Maryam. Komme ihr Engagement damit nicht allen zugute, also auch ihren eigenen Kindern?
„Sieben Tage“ ist vom Leben der Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi inspiriert. Allerdings betont Samadi Ahadi, dass es sich um eine rein fiktive Geschichte handle. Der Regisseur habe selbst Wochen gebraucht, um zu entscheiden, ob er diesen Film realisieren wolle. Nicht nur wegen gesundheitlicher Herausforderungen – Samadi Ahadi ist seit Jahren selbst schwerkrank, was Dreharbeiten in Bergregionen noch komplizierter macht.
Rasender Stillstand
Die gelegentliche Fahrigkeit schadet dem Film nicht, sondern versetzt ihn unter eine Spannung, die dem Thema auf andere als psychologische Weise gerecht wird. Vom rasenden Stillstand eines ungelösten Zustands erzählt „Sieben Tage“ im besten Sinne an seinen Oberflächen. Etwa durch leicht wackelige, elegische Landschaftsaufnahmen, in denen Menschen in ihrer Winzigkeit fast verschwinden. Aber auch durch die vielen Close-ups von Maryams expressivem, von Locken umlodertem Gesicht. Immer wieder sieht man es unter der Dusche, wo sich die Protagonistin fast rituell allen Schmerz aus dem Gesicht wäscht. Ihr Ringen wird von düsteren Cello- und schwermütigen Klavierklängen (Musik: Ali N. Askin) gefühlvoll, oft aber auch zu üppig und pathetisch untermalt.
„Sieben Tage“ verhandelt die Zerrissenheit der Protagonistin auch durch eine interessante Aufspaltung des Films in verschiedene Genres. Er beginnt als Fluchtthriller und als hochspannendes, wortkarges Road Movie. Durch die allgegenwärtige, schwer zu greifendende politische Bedrohung erinnert er zeitweise an „Im toten Winkel“ von Ayse Polat. Allerdings verzichtet die Inszenierung auf eine übersinnliche Ebene. Der Film bleibt auf dem Boden, so wie die Hauptfigur, die sich durch die schneeverwehten Berge Kurdistans kämpft, um sich dann in einem Familiendrama wiederzufinden. Nur einen kleinen Rucksack hat Maryam dabei. Die wesentlichen Dinge passten ohnehin in keine Tasche. Mitten im Schnee wird das Bild schwarz. Ob Maryam einen Koffer packen wird?