Girls on Wire

Drama | China 2025 | 115 Minuten

Regie: Vivian Qu

Zwei Cousinen, die in der chinesischen Provinz aufgewachsen sind, sich aber seit der Kindheit aus den Augen verloren haben, treffen auf dem Gelände des größten Filmstudios wieder aufeinander. Die eine ist Stuntfrau geworden, die andere musste sich um den drogenabhängigen Vater kümmern und der örtlichen Mafia zuarbeiten. Auf der Flucht vor den Mobstern geraten die harsche Realität und die Fantasien der Filmindustrie durcheinander. Der zwischen eskapistischem Illusionskino und brutalem Sozialrealismus changierende Film spielt mit den unterschiedlichen Bereichen, ohne Genre-Fiktion und Generationen-Drama zu einem völlig stimmigen Gesamtbild vereinen zu können. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
XIANG FEI DE NV HAI
Produktionsland
China
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
Aranya Pic./Beijing J.Q. Spring Pic./Huaxia Film Distribution/L'Avventura Film
Regie
Vivian Qu
Buch
Vivian Qu
Kamera
Chaoyi Zhang
Musik
Wen Zi
Schnitt
Hongyu Yang
Darsteller
Haocun Liu (Tian Tian) · Wen Qi (Fang Di) · Zhang Youhao (Ming) · Zhou You (Tian Tians Vater) · Peng Jing (Fang Dis Mutter)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
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Drama um zwei Cousinen, deren Wege sich auf dem Gelände eines chinesischen Filmstudios kreuzen, wo die eine als Stuntfrau arbeitet, während die andere vor Gangstern flieht.

Aktualisiert am
19.03.2025 - 17:39:15
Diskussion

„Film City“ heißt der gigantische Studiokomplex, in dem Fang Di (Wen Qi) ihr Geld verdient. Als Stuntdouble besteht ihre Aufgabe gewissermaßen darin, die Illusion einer Illusion ins Bild zu setzen. Während eine „richtige“ Schauspielerin nur so tut, als wären sie beispielsweise eine Schwertkämpferin im mittelalterlichen China, muss Fan Di so tun, als wäre sie eine Schauspielerin, die so tut, als wäre sie eine Schwertkämpferin im mittelalterlichen China.

Dabei ist sie auf der Leinwand in gewisser Weise die Hauptattraktion. Denn gerade in den besonders spektakulären Actionszenen des populären chinesischen Kinos, in denen Kriegerinnen und Krieger oftmals meterhoch in die Luft springen, gewaltige Mauern und gähnende Abgründe mit federleicht anmutenden Hüpfern überwinden und dabei eine Körperbeherrschung an den Tag legen, die an den Balletttanz erinnert, kommen keine gutbezahlten Stars zum Einsatz. Es sind vielmehr Menschen wie Fang Di, die von einer Karriere als Schauspielerin träumt, sich aber als Stuntdouble durchschlagen muss, um die Schulden ihrer Familie abzuarbeiten.

Der Preis der Illusion

Und das ist ein Knochenjob. Eine der eindrücklichsten Szenen des Films zeigt einen Wasserdreh: Fang Di wird zunächst vermittels einer Kabelkonstruktion in einem Fluss versenkt; anschließend wartet das Filmteam einige Sekunden, bis sich die Wellen auf der Wasseroberfläche gelegt haben; erst dann wird Fang Di wieder aus dem Wasser herausgezogen und einige Meter weit durch die Luft gewirbelt, ehe sie endlich festen Boden unter den Füßen hat.

Dumm nur, dass der Regisseur mit dem ersten Take nicht zufrieden ist. Mit dem zweiten, dritten und vierten ebenfalls nicht. Wieder und wieder wird die längst bis auf die Knochen durchgefrorene Fang Di in das eiskalte Wasser hinabgelassen. Zu allem Überfluss hat sie auch noch ihre Menstruation. Das ist Martyrium hinter der Illusion. Und natürlich fragt man sich gleich: Kamen auch beim Dreh von „Girls on Wire“ Stuntdoubles zum Einsatz? Es steht zumindest zu vermuten.

Die Regisseurin und Drehbuchautorin von „Girls on Wire“, Vivian Qu, ist spezialisiert auf Filme zwischen Arthaus und Mainstream, Genre und Charakterdrama. Ihr neues Werk führt zunächst zwei Handlungsstränge parallel. Neben Fang Di lernt man auch deren Cousine Tian Tian (Liu Haocun) kennen; unter noch einmal deutlich unangenehmeren Umständen. In rotes Licht getaucht, kauert sie am Boden, ein Typ möchte ihr Drogen spritzen, aber ihr gelingt die Flucht. Mühsam schlägt sie sich in Richtung „Film City“ durch. Fang Di, mit der sie gemeinsam aufgewachsen war, ist ihre letzte Hoffnung.

Schritt für Schritt

In – durch ein engeres, intimeres Bildformat gekennzeichneten – Rückblenden enthüllt sich Schritt für Schritt die Vorgeschichte: Fang Di und Tian Tian eng aneinandergekuschelt im Bett, während die Eltern sich gegenseitig anbrüllen; Tian Tians Vater, der den Drogen verfällt und die Familie in die Hände krimineller Geldverleiher treibt; Tian Tian, die jung schwanger wird und darauf hofft, dass ihr Kind ihr Leben zum Besseren verändert. Als Publikum weiß man aber bereits: Die Hoffnung wird sich nicht erfüllen. Die Vergangenheit gibt die Gegenwart nicht frei. Auch in der Film City nicht. Die Fantasiewelten der Kulturindustrie bieten denen, die sie mit ihrer Arbeit erschaffen, keine Herberge. Vielmehr setzen sich in ihnen die Gewaltverhältnisse fort, die das Studiogelände allseitig umschließen.

Gleichwohl hat der Film einigen Spaß mit seinem Setting. Fang Di bricht, als sie abwechslungshalber mal für eine „echte“ Filmrolle vorspricht, ob der lebensfernen Dialoge, die sie aufsagen soll, in Lachen aus. Zwei Gangster, die Tian Tian auf den Fersen sind und ebenfalls in „Film City“ landen, werden vom Fleck weg für einen Historienfilm gecastet; sie verstehen aber nicht, warum sie in einer Gefechtsszene auch dann zu Boden sinken sollen, wenn sie nicht tatsächlich von einer Kugel getroffen werden. Die künstlichen Lichter des Studios taugen aber als atmosphärische Untermalung für Gespräche, in denen die Cousinen über ihre Kindheitserinnerungen sprechen.

Mit dem eigenen Leib

Letztlich stehen sich in „Girls on Wire“ eskapistisches Illusionskino und harscher Sozialrealismus keineswegs so feindselig gegenüber, wie man am Anfang vermuten könnte. Insbesondere im Schauspiel von Wen Qi fällt beides in eins: die hervorragende, stets mit einer Mischung aus Trotz und Verzweiflung in die Welt blickende Fang-Di-Darstellerin evoziert echten Filmstar-Glamour selbst dann, wenn sich ihre Figur von den Glücksversprechen der Kulturindustrie abzuwenden beginnt. Lässig lehnt sie in ihrer Lederjacke an einer Wand und winkt ab. Warum Schauspielerin werden? Ich bleibe lieber Stuntfrau. Sie will den Preis der Illusion auch weiterhin mit dem eigenen Leib bezahlen.

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