The Alto Knights
Biopic | USA 2024 | 123 Minuten
Regie: Barry Levinson
Filmdaten
- Originaltitel
- THE ALTO KNIGHTS
- Produktionsland
- USA
- Produktionsjahr
- 2024
- Produktionsfirma
- BCD Travel/Warner Bros./Winkler Films
- Regie
- Barry Levinson
- Buch
- Nicholas Pileggi
- Kamera
- Dante Spinotti
- Musik
- David Fleming
- Schnitt
- Douglas Crise
- Darsteller
- Robert De Niro (Vito Genovese/Frank Costello) · Debra Messing (Bobbie Costello) · Kathrine Narducci (Anna Genovese) · Cosmo Jarvis (Vincent Gigante) · Michael Rispoli (Albert Anastasia)
- Länge
- 123 Minuten
- Kinostart
- 20.03.2025
- Fsk
- ab 12; f
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 16.
- Genre
- Biopic | Drama | Krimi
- Externe Links
- IMDb | TMDB
Gangster-Biopic um die US-Mafiosi Frank Costello und Vito Genovese, die beide von Robert De Niro gespielt werden.
Einem Mann, der nachts in den Fahrstuhl zu seinem Apartment steigt, wird in den Kopf geschossen. Dieser Mann ist der New Yorker Pate Frank Costello, der jedoch wider Erwarten nicht an Ort und Stelle stirbt, sondern wenig später im Krankenhaus erzählt bekommt, was für ein Glück er doch gehabt und außer ein paar Tagen mit Kopfschmerzen nichts zu befürchten habe. Und obwohl der Boss aller Bosse das Attentat fast unbeschadet übersteht, ist dies doch der Anfang vom Ende seiner Gangster-Karriere. Es folgt nicht der obligatorische Krieg zwischen den zerstrittenen Fraktionen der Genovese-Familie, sondern eine Art Ruhestand.
Blüte der US-Mafia in den 1950er-Jahren
Vom Weg dorthin erzählt Frank Costello höchstpersönlich. Robert De Niro ist dieser Costello der Erzähler, er ist aber auch Costello der Protagonist – und als Vito Genovese auch der Antagonist. Vom Wohnzimmer seiner New Yorker Wohnung und der Terrasse seiner Villa in Long Island aus erzählt der „Premierminister der Unterwelt“ von alten Zeiten. Er hat sogar eine eigene Dia-Show vorbereitet. Die gemeinsame Vergangenheit vergegenwärtigen alte Fotografien und die mit Filmkorn belegten Schwarz-weiß-Bewegtbilder der heutigen Bosse New Yorks. Die Anzüge sind noch nicht maßgeschneidert, die Morde der Mafiosi allerdings nicht weniger brutal als heute.
Vito steigt als der ambitioniertere und rücksichtslosere der beiden schnell zum Oberhaupt auf, muss aber kurz darauf ins europäische Exil verschwinden. Der Zweite Weltkrieg kommt seiner Rückkehr in die Quere. Frank übernimmt und leitet eine Blütezeit der Mafia ein, in der zwischen den Familien Friede herrscht und eine Menge Geld verdient wird. Sein effizienter Low-Profile-Stil ist profitabel, weil er wenig Aufmerksamkeit auf sich zieht. Costello meidet die Bars und Nachtclubs, in denen die Bosse und Capos der Cosa Nostra verkehren. Er sieht seine Gangster lieber von James Cagney im Fernsehen verkörpert, er verbringt Zeit mit seiner Frau Bobbie (Debra Messing), hat weder Bodyguards noch einen Fahrer; er bestellt sich sein Taxi selbst und geht auch persönlich mit den Hunden spazieren.
Vito Genovese hingegen ist die Antithese zu Costellos sauberer Geschäftsmann-Pose. Er ist ein echter Gangster, der böse Zwilling, das impulsiv-brutale Teufelchen zum rational-sanguinischen Engelchen. Und: Er will sein Imperium zurück. Das Ergebnis dieses Zwists ist ein Kopfschuss. Aber, und das ist gewissermaßen der Kern der Sache, damit ist eben nicht das letzte Wort gesprochen. Vielmehr ist es der Startschuss des Mythos Costello. Ein Mythos, der das Gangstersein transzendiert.
Endlose Gangstertalks im Mafia-Code
Die Gangster-Biografie „The Alto Knights“ von Barry Levinson verlässt sich für die Mythenbildung auf das Gewicht der Historie. Namen wie Lucky Luciano, Frank Costello und Vito Genovese müssen diese Ehrfurcht tragen. Denn ihre Gespräche, die einen Großteil des Films ausmachen, tun es nicht. Der gnadenlose Vorwärtsdrang, mit dem Martin Scorsese in „Good Fellas“ auf den Abgrund zusteuert oder der Hauch von Sexyness, der das Glücksspiel-Business in „Casino“ umweht, ein Film, der ebenfalls aus der Feder von Drehbuchautor Nicholas Pileggi stammt, kommt hier gar nicht erst auf. Es gibt auch keinen Abgrund, wie er sich etwa in „The Irishman“ ausbreitet. „The Alto Knights“ lebt vielmehr im Limbo der Unterweltler, die es entgegen aller Wahrscheinlichkeit ins hohe Alter geschafft haben. In einer Welt der großen Egos kleinkarierter Männer, die sich endlos in der Mafiasprache voller codierter Dialoge ergehen. Das organisierte Verbrechen ist nicht viel mehr als eine Gruppe alter Männer, die ihre Köpfe zusammenstecken, bis sie von jungen Männern für andere Männer mit Kugeln vollgepumpt werden. Bei über zwei Stunden Laufzeit von „The Alto Knights“ ist das durchaus strapaziös.
Das Zentrum der Macht, von dem aus Regisseur Barry Levinson herabblickt, ist kein Elfenbeinturm, kein riesiges Casino und kein Nachtclub, in dessen Unterbauch sich die Kamera in endlosen extravaganten Sequenzen verlieren könnte. Levinson schaut vielmehr aus dem Wohnzimmer hinunter auf New York. Er sieht aus dem kitschigen Salon eines alten Ehepaars auf das obszöne Habitat der Unterwelt hinab. Der dazugehörige Gestus ist der des Kopfschüttelns über Prinzipien, die immer nur so lange heilig sind, wie sie dem Mann am Drücker in den Kram passen. Der dann aber, wenn er alles bekommen hat, was ihm nicht zusteht, nicht anders kann, als weiter Blut zu vergießen. Vito Genovese steht für diese Brutalität, Frank Costello hingegen für die Rationalität.
Ein Akt der Unpünktlichkeit
Beide aber werden von Robert De Niro verkörpert, zwei mit Make-up verfremdete Gesichter des gleichen Menschenschlags. „The Alto Knights“ ist damit gewissermaßen die Gangster-Apotheose und ihre Entzauberung in einem und immer dort am besten, wo die Lächerlichkeit der Mafia-Welt aus ihrer bedeutsamen Rolle in der US-amerikanischen Geschichte hervorsticht. Ein Film über Männer, der nicht besser zur Trump-Ära passen könnte, da hier in endlosen Schimpfkanonaden gegen die Welt ausgeteilt, die Politik als korrupt beschimpft und die Juden hinter jeder Misere vermutet werden. Die Justiz wird verachtet und die Untergebenen lächerlich gemacht, doch schon wenig später mit dem Shrimp-Cocktail in der Hand panisch über ein Feld gestolpert, nur weil die Polizei in der Nähe gesichtet wurde.
Barry Levinsons Gangster-Historie ist damit nahe dran an den USA dieser Tage. Der letzte Coup krönt dann noch einmal den einzigen Erwachsenen im Raum, der das gegen ihn verschworene Machtgefüge ein weiteres Mal nicht mit Waffengewalt zum Kollaps bringt, sondern mit einem historischen Akt gut geplanter Unpünktlichkeit.