Das neue Buch von Lars Henrik Gass „Objektverlust“
setzt sich kritisch mit einer Grundtendenz des zeitgenössischen Kinos und
seiner Filme auseinander: sich nicht mehr an der Welt und ihren Realitäten,
sondern an deren Bildern abzuarbeiten. Dabei werden Gedanken zugespitzt, die
den Autor bereits in früheren Publikationen, etwa „Filmgeschichte als
Kinogeschichte“ (2019) oder „Film und Kunst nach dem Kino“ (2012), umgetrieben
haben.
Das Kino der Gegenwart ist in dem knappen und extrem verdichteten Essay „Objektverlust“ von Lars Henrik Gass dadurch charakterisiert, dass es sich bis in die Unkenntlichkeit von dem entfernt hat, worin einmal die genuine mediengeschichtliche Leistung des Kinos bestanden hat, nämlich eine kulturelle Praxis gewesen zu sein, der ein kollektives Verhältnis zur Welt eingeschrieben war.
„Die Augen des Apparats“, wie ein Kapitel
des Buches überschrieben ist, hatten früher die Aufgabe übernommen, sich als Instanz
für gesellschaftliche Austausch- und Verhandlungsprozesse ins Spiel zu bringen.
Durchaus auch als plebejischer Ort, an dem verhandelt wurde, wo eine
Gesellschaft sich befand und wie sie sich verstand. Kino war so gesehen ein
öffentlicher Raum, in dem erstens ein universalistisches Verständnis von Welt
gefördert wurde und zweitens eine gesamtgesellschaftliche Teilhabe ermöglicht
wurde. Kino wart etwas, was auch als „a public affair“ oder als Möglichkeitsraum
angesehen werden konnte, in dem die Gesellschaft eine neue Mündigkeit erlangte.
Und dies alles durch einen Apparat, der „industriellen Gesellschaften die
öffentliche Verkehrsform ihrer Teilnehmer“ verordnete, also jedem, der es
zuließ, auch erfahrbar machte, wie es anderswo zuging auf der Welt.
Im Bann des Internets
Bei seinen Diagnosen zur aktuellen
Gestalt von Film und Kino geht es Lars Henrik Gass darum, sowohl symptomatisch wie
systemisch zu vermessen, worin der Verlust dieser einstmals wirkmächtigen
Facetten des Mediums besteht. Als Symptom sieht er etwa die Konjunktur
wohlmeinender Trigger-Warnungen: „Auf einigen Filmfestivals werden vor den
Programmen oder im Katalog sogar schon Warnungen ausgesprochen, damit
Erfahrungen und somit Verstörung und Verunsicherung, die vereinzelt noch von
Filmen ausgehen könnten, garantiert unterbleiben.“ Als systemisch gilt ihm,
dass der zeitgenössische Kinofilm zunehmend zum Produkt einer „neuartigen
sozialen Kybernetik“ geworden ist, die einer vor allem am Internet als
sozialisierender Erfahrung orientierten Wahrnehmungsökonomie folgt, welche ihren
Blick nicht mehr auf eine äußere Wirklichkeit, sondern auf einen Fundus
entleerter Bilder richtet.
Was mit dieser neuartigen sozialen
Kybernetik gemeint ist und auch mit dem im Titel genannten „Objektverlust“,
erschließt sich exemplarisch über eine vergleichende Betrachtung der beiden
Verfilmungen von Patricia Highsmiths „Der talentierte Mr. Ripley“ –
einmal durch René Clément unter dem Titel „Nur die Sonne war Zeuge“
[1960]) und zum anderen durch Anthony Minghella unter dem gleichen Titel wie der
Roman ("Der talentierte Mr. Ripley", 1999).
„Minghellas Version“, so Gass, folgt der Vorlage in Handlung und Wahl der Schauplätze viel genauer als Clément. „In der Behandlung der Wirklichkeit aber unterscheidet er sich grundlegend. (…) Das ist teils auch darin begründet, dass Minghella die Handlung historisch zurückverlegt irgendwo in die Nachkriegszeit. Während Clément sich für die soziale Gegenwart interessiert, interessiert sich Minghella für das Versteckspiel der Rollen und den Look.
Während Clément ein Begehren der
Figuren nach dem Objekt repräsentiert, repräsentiert Minghella ein Begehren der
Gesellschaft nach der Ware. So entsteht bei Minghella ein Kostümfilm, in dem
jedes Detail nur Accessoire ist, aber auf das Geschehen keinerlei Einfluss hat
und in dem es auch nichts zu entdecken gibt, weder im Film noch am Film.
Wirklichkeit wird allenfalls einverleibt, nicht aber als Raum der Sehnsucht spürbar.
Wirklichkeit wird nicht berührt und berührt auch nicht. Während bei Clément
alles von einem Klassenkonflikt ausgeht, entsteht bei Minghella alles aus dem Konflikt
zwischen den Rollen, die jeder einfach einnehmen kann, die rein äußerlich sind.
Hier geht es um Rollenspiele, dort ums Leben.“
Staunen über die Realität
„Objektverlust“ ist ein Essay, weil der Text, wie es sich für einen Essay gebührt, der konzentrierte Versuch einer allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Formulieren ist, eine von Genauigkeit und Leidenschaft angetriebene Ausarbeitung einiger spekulativer Thesen, die auf einer „ideologiekritischen und zeitdiagnostischen Sicht auf Film und Kino sowie Aufklärung und Öffentlichkeit gründen“. Deshalb ist zumindest ein Zögern angebracht, bevor man diese Publikation umstandslos als Film- oder Kinobuch tituliert. Film und Kino spielen in „Objektverlust“ zwar Hauptrollen, aber nur insofern, als an ihrem Beispiel untersucht wird, warum sich Fremdheitserfahrung und Staunen gegenüber der Realität – einst die „conditio sine qua non“ des klassischen Kinos -, im Gegenwartskino, etwa den Kinospielfilmen von Wes Anderson, Greta Gerwig, Mia Hansen Løve, Giorgos Lanthimos, Ruben Östlund, Paolo Sorrentino, Joachim Trier oder Athina Rachel Tsangari – zur bloßen „Erlebnismaterie einer narzisstischen Gesellschaft“ verflüchtigt haben. Unter Rekurs auf das Buch „Die Antiquiertheit der Frau“ (2022) von Sara Rukaj notiert Gass: „Der im Internet gewachsene Glaube, sich Fremdes umstandslos aneignen zu können, schafft eine Scheinanwaltschaft für Identität im Nichtidentischen, ein vermeintlich authentisches Selbst, vereinzelte Bildschirmnomaden, die keine biologischen, ökonomischen und sozialen Begrenzungen mehr (er)kennen.“
Gass agiert mit diesem Buch erneut als unabhängiger Intellektueller. Seine Unabhängigkeit mag manchem als konservativ, vielleicht auch naiv nostalgisch erscheinen. Tatsächlich wird sie aber dringend gebraucht. Denn daran zu erinnern, was verloren ging, ist keine Nostalgie, sondern entschlossene Verteidigung des Lebenssinns gegen den Chauvinismus der Gegenwart. Oder wie es bei Alexander Kluge heißt: „die schärfste Ideologie: dass sich die Realität auf ihren realistischen Charakter beruft.“
Literaturhinweis
Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft. Von Lars Henrik Gass. XS-Verlag Berlin, 108 Seiten, 21,00 Euro. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.