In Deutschland war Alfred Hitchcock lange unterschätzt; es bedurfte der
euphorischen Rezeption in Frankreich, um ihm auch rechtsrheinisch die
gebührende Anerkennung zu verschaffen. Ein essayistischer Interview-Band
lotet nun die Spannungsästhetik von Hitchcock aus und untersucht deren
Einfluss aufs deutsche Filmschaffen. Sieben Regisseurinnen und
Regisseure von Sophie Linnenbaum bis Christian Petzold sprechen
ausführlich über ihren Bezug zum "Master of Suspence".
Von der Stummfilmära bis
in die 1970er-Jahre unterlag der (in Deutschland) lange unterschätzte, vom
französischen Autorenkino aber gefeierte Regisseur Alfred Hitchcock
unzähligen Wandlungen. Ein (Studien-)Aufenthalt im Deutschen Reich während der
Reifezeit des Weimarer Kinos beflügelte die minutiös-kalkulierte Inszenierung
des britischen Jesuitenschülers. Und auch die begnadeten Partituren von Bernard Herrmann leisteten im Werk des vielzitierten „Meister des Suspense“
einen wesentlichen Beitrag.
Hitchcocks Wechselwirkung
auf deutsche Regisseurinnen und Regisseure diskutiert der Filmkritiker Josef
Schnelle anhand klug ausgewählter Produktionen in dem schmalen Band mit dem
Titel „Der unsichtbare Dritte. Hitchcock und der deutsche Film“.
Gekonnt spielt er dabei mit der fiktiven Anwesenheit des berühmten Regisseurs.
Die Interviews mit sieben Gesprächspartnern fußen auf einer Produktion des
Deutschlandfunks, für den Schnelle in einer dreistündigen Sendung einen neuen
Zugang zu Hitchcock anvisierte. Die Texte wurden für die Buchpublikation etwas
umgeformt und angereichert. So findet sich zu allen Filmschaffenden eine knappe
biografische Einordnung sowie eine ausgewählte Filmografie. Dasselbe gilt für
die in den Interviews analysierten Hitchcock-Filme inklusive einer kleinen
Literaturauswahl.
Legendäre Schlüsselszenen
aus „Der unsichtbare Dritte“, „Das Fenster zum Hof“,
„Der Mann, der zu viel wußte“ (1956), „Psycho“oder
„Die Vögel“mit ihren ikonografischen Perspektiven helfen,
gut in die Analyse und die Rezeptionsästhetik mit den unterschiedlichen
Gesprächspartnern zu kommen. Die Essays starten stets mit einem Hinweis auf den
Treffpunkt der Gesprächspartner, die konkrete Situation und die Stimmung des
Gegenübers.
So erklärt Christian Petzold anhand der Flugzeugszene aus „Der unsichtbare Dritte“
den Begriff vom „Geheimnis der aufgeladenen Bilder“, indem er fein ziselierte
Spannungsmuster, die Gestaltung des filmischen Raums und die Einsamkeit der
Figur wie der Existenz von Cary Grant einordnet. Den Totalverlust
gesellschaftlicher und materieller Sicherheiten des Helden verknüpft er mit
seinem eigenen Film „Die innere Sicherheit“. Dem bekennenden
Hitchcockianer Petzold imponierte in „Der Mann, der zuviel wußte“
(1956) der Gesang, die Musik, die herzzerreißende Emotionalität und das Timing
der Angst von Doris Day um den Sohn. Kino funktioniert hier perfekt als Ort der
(Alb-)Träume, als Spiegel menschlicher Ur-Angst.
Die Regisseurin Sophie Linnenbaum katapultierte sich 2022 mit ihrem Spielfilmdebüt „The Ordinaries“ in die oberste Liga reflektierter Filmemacherinnen. Sie räumt
ein, durch die raffinierten Fenster-Blicke in „Das Fenster zum Hof“
viel für ihre eigene Arbeit gelernt zu haben: über Seelenzustände, Geheimnisse
von Familien, Sehnsucht nach Harmonie, die Rätsel der Wahrnehmung oder des
Changierens. Ihren eigenen Film betrachtet Linnenbaum als intuitiv-emotionale
Geschichte, nicht nur für absolute Cineasten. In Hitchcock sieht sie einen
Vertreter des kollektiven Film-Bewusstseins, gewissermaßen einen „Faust“. Die junge
Regisseurin gehört zweifellos einer anderen Generation an, ist weit weg von der
Neigung zur Hitchcock-Andacht „alter Männer“. Sie genießt ehrlichen Kitsch,
nicht aufgesetztes Pathos – und gibt das so auch in der Arbeit mit den
Schauspielern weiter.
Ein Meister der offenen
Dramaturgie
Andreas Kleinert
spricht von seiner traumatisierenden Begegnung mit „Die Vögel“,
die er als Siebenjähriger zusammen mit seiner ängstlichen Tante im Fernsehen
kennenlernte. Seine Träume, die Erinnerungen als eine „fiktive Lüge“ empfinden,
wirken bis heute nach. Am Kontrollfreak Hitchcock liebt Kleinert die Eleganz,
die Bedeutung der Kostüme, die Liebe zum Detail, den Blick des Zuschauers und die
Lenkung der Gefühle. Kleinert erkennt im Werk von Hitchcock ein großes Lehrpotenzial
für Studenten, insbesondere durch die Moderne der Musik und die Verbindung von
Bild und Ton. Wichtige inhaltliche Kategorien sind für Kleinert die Präsenz des
Unterbewusstseins sowie die offene Dramaturgie einer Geschichte.
Hermine Huntgeburth
imponiert an Hitchcock hingegen die psychologische Kameraführung, die
Gestaltung der Vorder- und Hintergründe sowie die „moderne Sprache“.
Unterhaltung muss für die Filmemacherin eine hohe Qualität besitzen; eine große
„Kopierlust“ in Bezug auf den Meister verspürt die Regisseurin hingegen nicht. Rainer Kaufmann schätzt an „Psycho“ die Komposition der
Duschszene, die Musik und die Ambivalenz des Wassers. Der psychologische Ansatz
des Schwarz-weiß-Thrillers sei bei seiner Entstehung völlig neu gewesen. Einen gewissen
Einfluss Hitchcocks auf seine eigenen Filme wie „Die Apothekerin“
oder „Kalt ist der Abendhauch“ räumt Kaufmann gerne ein.
Nana Neul fasziniert in „Verdacht“hingegen vor allem das Melodrama.
Sie mag die Perspektive der Frau, die schöne Liebesgeschichte mehr als den
Thriller. Die Inszenierung der Figuren und die Führung der Schauspieler sei bei
Hitchcock wahnsinnig kleinteilig; darin liege die schlichte Schönheit des
Suspense. Ihr jüngster eigener Film, die Ehegeschichte „Check out“,
kommt diesem Gedanken sehr nahe. Am Vorbild schätzt sie, „dass Hitchcock
künstlerische Filme gemacht hat, die ein großes Publikum angesprochen haben. Das
sollte man auch in Deutschland zu schaffen versuchen.“
Der Marionettenspieler
Dominik Graf
betrachtet „Die Vögel“als „nackten Horror“, der Angst und
Schrecken verbreitet. Höchstes Lob zollt er Hitchcocks Trauma-Verarbeitung und
Bernard Herrmanns Musik, insbesondere der Kamerafahrt über die Musikpartitur in
„Der Mann, der zuviel wußte“. Es sei eine echte Kunst, den
Zuschauer mittels Spannungsbewegung komplett in eine Szene mitzunehmen und
diese Atmosphäre zu erzeugen. „Vertigo“stehe für das
Thema ewige Liebe und Wahn: das Gesicht der Erinnerung, im Unterbewusstsein
gespeichert, decouvriert Hitchcock als Marionettenspieler. Diese Dimension ist
für Graf beim Film und beim Filmen immer mit dabei. Er selbst strebt danach,
alle Künstlichkeit und alles Artifizielle zu vermeiden und Gefühle in den
Mittelpunkt zu stellen.
Gelegentliche Fehler bei
der Kommasetzung oder Druckfehler können den positiven Eindruck des
inspirierenden Werkes mit den anschaulichen Filmsequenzen nicht trüben. Schade
ist allerdings, dass die relativ kleinen Filmstills (4,5 x 2,3 cm) bei
dunkleren Szenen im Detail oft schwer zu erkennen sind.