Zero Day
Drama | USA 2025 | 307 Minuten (sechs Folgen)
Regie: Lesli Linka Glatter
Filmdaten
- Originaltitel
- ZERO DAY
- Produktionsland
- USA
- Produktionsjahr
- 2025
- Produktionsfirma
- Grand Electric/Panoramic Media/Prologue Ent./Netflix
- Regie
- Lesli Linka Glatter
- Buch
- Eric Newman · Noah Oppenheim · Michael Schmidt · Roberto Patino
- Kamera
- Joe Collins · John Conroy
- Musik
- Jeff Russo
- Schnitt
- Ben Lester · Hugo Diaz · Jon Otazua
- Darsteller
- Robert De Niro (George Mullen) · Jesse Plemons (Roger Carlson) · Lizzy Caplan (Alexandra Mullen) · Connie Britton (Valerie Whitesell) · Angela Bassett (Präsidentin Mitchell)
- Länge
- 307 Minuten (sechs Folgen)
- Kinostart
- -
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 16.
- Genre
- Drama | Serie | Thriller
- Externe Links
- IMDb | TMDB | JustWatch
Politthriller-Serie um einen ehemaligen US-Präsidenten, der nach einem verheerenden Cyberangriff von der amtierenden Präsidentin mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut wird, eine Kommission zu leiten, die die Täter des Attentats aufspüren soll.
Eigentlich sollte er seine Memoiren verfassen. Lange genug gesammelt hat Ex-Präsident George Mullen (Robert De Niro): die Regale sind voll mit säuberlich sortierten Notizbüchern aus den Jahren der Amtszeit. Er führt sie noch immer mit der gleichen Akribie und Genauigkeit, die ihn zu einem der besten Präsidenten machte, den die Vereinigten Staaten, wie sie die Serie „Zero Day“ zeigt, je gesehen haben. Die zweite Amtszeit war ihm sicher. Aber der Tod seines erwachsenen Sohns ließ Mullen den Rückzug ins Familienleben antreten. Die politische Arbeit macht dieser Tage Tochter Alexandra (Lizzy Caplan), die als Senatorin in New York aus dem Schatten des Vaters zu treten versucht.
George verbringt unterdessen, seine First Lady Sheila (Joan Allen) noch immer an seiner Seite, den Ruhestand mit den gesunden Routinen des weisen Mannes: Sport für den Körper am Morgen, Sport für den Geist am Rest des Tages. Dass die Memoiren nicht fertig werden, ist nicht seinem Mangel an Fähigkeiten geschuldet, wie auch die zu ihm entsandte Ghostwriterin feststellen muss. Mullens Weltbild, seine inhärente Bescheidenheit und Integrität will es nicht zulassen, dass seine eigenen Worte seine Geschichte erzählen. Seine Taten sollen es sein, die, von anderen bewertet, sein Vermächtnis ausmachen.
Der Ex-Präsident wird aus dem Ruhestand geholt
Kaum hat Robert De Niro diese pathetische Maxime formuliert, als die Geschichte ein weiteres Mal an die Tür des Ex-Präsidenten klopft. Genauer gesagt ist es Roger Carlson (Jesse Plemons), ein alter Wegbegleiter, der, ein Sicherheitsteam im Schlepptau, beim Staatsoberhaupt a.D. aufkreuzt. Eine Serie von Cyberanschlägen hat die Republik schwer getroffen. Tausende sind gestorben, in den Ballungsräumen geht die Panik um.
Es ist Mullens Churchill-Moment. Wenige Minuten später ist er auf der Straße, beruhigt den Mob, sammelt die Menge hinter sich, löst ganz Amerika mit seiner spontan improvisierten Rede aus der Lähmung der Angst, wie es nur er kann, dieser von Robert De Niro gespielte Jack Bauer. Amerika ist bereit zurückzuschlagen. Nur hat sich eben noch kein Feind offenbart. Und der Mann, der das Land soeben hinter sich geeint hat, ist nicht mehr Präsident. Seine Nachfolgerin Evelyn Mitchell (Angela Bassett) ist schlau genug, diesen Umstand für sich zu nutzen. Eine Sonderkommission, die Zero-Day-Commission, soll mit einer nie dagewesenen Fülle von Zugriffsrechten die Verantwortlichen identifizieren und zur Strecke bringen. George Mullen soll sie leiten. Der ist davon nicht begeistert, aber weil es eben noch fataler wäre, wenn jemand wie sein politischer Gegner Richard Dreyer (Matthew Modine) derartige Machtfülle besäße, macht es der Ruheständler lieber doch selbst.
Ein vergeblicher Versuch, die Serie der Stunde zu machen
Die Präsidentin als schwarze Frau, der Ex-Präsident als gealterter, angeblich seniler, tatsächlich aber noch immer sehr fähiger Staatsmann: offenkundiger kann man kaum an das Ende der Biden-Ära und das Ausbleiben der Harris-Ära anschließen und der realen Geschichte einen fiktionalen Gegenentwurf entgegenhalten. Auch das Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Macht, im Zuge einer Aufweichung von Freiheitsrechten, könnte kaum zeitgemäßer sein. Leider könnte es aber auch kaum naiver daherkommen als das, was die Showrunner sich in den pathetischen Reden und abstrusen Ideen von Recht und Gerechtigkeit zusammenreimen. „Zero Day“ ist der offenkundige Versuch, eine Serie der Stunde zu machen, ohne irgendeine Idee davon zu haben, was die Stunde geschlagen hat. Die Referenzen sind eindeutig genug, Gewicht haben sie aber keins. Niemand soll hier verprellt werden, nichts wird politisch zugeordnet, alle Lösungsansätze sind brav überparteilich, keine staatstragende Aktivität trägt Ambiguität in sich. Stattdessen kommt mit ein wenig staatsmännischem Auftreten alles irgendwie in Ordnung.
Hoffnungslos zerfahren
So löst sich viel von dem, was ein tagesaktueller Polit-Thriller so braucht, um seinen Plot anzuschieben, in Wohlgefallen auf. Bevor das passiert, ist „Zero Day“ aber nicht spannend, sondern schlicht hoffnungslos zerfahren. Ein böser Investor, der Leerkäufe für russisches Öl getätigt hat, will seine Investition entlohnt sehen, ein FSB-Agent versucht, die eigenen Spuren zu verwischen, ein paar nicht näher vorgestellte Tech-Milliardäre mischen mit, eine Hackergruppe erscheint verdächtig, und ein Empörungsjournalist ruft aus dem eigenen Keller die Revolution gegen „die da oben“ und die „Lamestream-Medien“ aus. Alle schnell erdachten Bad Actors des gegenwärtigen politischen Umfelds mischen irgendwie mit, ohne dem Plot ihren Stempel aufzudrücken.
Die eigentliche Krise dreht sich meist um Mullen selbst, der bald nicht mehr er selbst zu sein scheint. Statt des morgendlichen Fitnessprogramms mit Joggen und Schwimmen wirft er nur noch schnell eine Pille ein, bevor er ins Büro fährt. Die geistige Gesundheit scheint abhandengekommen: Gegenstände verschwinden, Notizbücher ergeben keinen Sinn mehr, Angestellte sind plötzlich Fremde. Das Demenzdrama trägt aber auch nur bis zur nächsten Volte im intrigendurchsetzten Polit-System, das sich „Zero Day“ zusammenfabuliert. Nichts darf darin allzu konkret sein. Unverfänglichkeit ist die Maxime. Was für eine Netflix-Produktion nicht allzu ungewöhnlich ist, ist für einen betont zeitgeistigen Thriller aber schon hochgradig schizophren. An das Jetzt andocken, aber unter keinen Umständen fest genug, um sich im Diskurs zu verhaken oder gar im kulturellen Gedächtnis hängen zu bleiben, ist schlichtweg kein sinnvoller oder produktiver Spagat.
„Zero Day“ versucht sich trotzdem daran, predigt in einen Raum hinein, der hoffentlich keine Resonanz gibt, hängt sich an Thesen, ohne diegetisches Gewicht oder gar realweltliches Gewicht mitzubringen. Der Alte wird’s schon richten, und solange er nur stark und integer genug ist, die ihm gegebene Machtfülle nicht oder nur ein bisschen zu missbrauchen, passt’s schon irgendwie.