Familienfilm | Norwegen 2024 | 86 Minuten

Regie: Gunnbjörg Gunnarsdóttir

Zwei Kinder fühlen sich von ihrer neuen Stiefmutter so unterdrückt, dass sie einen grotesken Mordplan entwickeln und einen bosnischen Migranten anheuern, der den Auftrag zunächst aber nicht annehmen will. Als er in Finanznot gerät und die Kinder eine große Geldsumme bieten, willigt er schließlich ein. Das Komplott soll bei der nachgeholten Hochzeitsfeier an der norwegischen Küste umgesetzt werden. Die grelle Krimikomödie ist in weiten Teilen aus der Sicht der Kinder erzählt und entfaltet bei allem schwarzen Humor ein hohes Identifikationspotenzial für die junge Zielgruppe. Überzogene Figuren, pointierte Dialoge und teils ruppige Gags machen die Absurdität des Mordplans aber transparent. Dazu passt auch der ambivalente Schluss, der nahelegt, dass sich verbrecherische Absichten nicht lohnen. - Ab 10.
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Filmdaten

Originaltitel
VICTORIA MÅ DØ
Produktionsland
Norwegen
Produktionsjahr
2024
Produktionsfirma
På Film AS
Regie
Gunnbjörg Gunnarsdóttir
Buch
Gunnbjörg Gunnarsdóttir · Rolf-Magne Andersen
Kamera
Øyvind Svanes Lunde
Musik
Olav Øyehaug
Schnitt
Mina Nybakke
Darsteller
Ine Marie Wilmann (Victoria) · Mille Sophie Rist Dalhaug (Hedvig) · Sverre Thornam (Henrik) · Leo Ajkic (Carl) · Morten Svartveit (Nikolai)
Länge
86 Minuten
Kinostart
03.04.2025
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Familienfilm | Komödie
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IMDb | TMDB

Schrille Krimikomödie um zwei norwegische Kinder, die ihre Stiefmutter beseitigen wollen und dafür einen bosnischen Migranten anheuern.

Aktualisiert am
18.03.2025 - 09:44:08
Diskussion

Mut zum Risiko kann man der norwegischen Regisseurin Gunnbjörg Gunnarsdóttir nicht absprechen. In ihrer bitterbösen Familienkomödie „Victoria muss weg“ erzählt sie die Geschichte eines Mordkomplotts. Das aber wird nicht von Erwachsenen, sondern von zwei Kindern ausgeheckt, die als verwöhnte Sprösslinge eines Geschäftsmanns zunächst sehr angepasst wirken. Doch hinter der scheinbaren gutbürgerlichen Idylle tun sich bald Abgründe auf.

Hedvig (Mille Sophie Rist Dalhaug) und Henrik (Sverre Thornam) reisen mit ihrem Vater Nikolai (Morten Svartveit) und der neuen Stiefmutter Victoria (Ine Marie Wilmann) zum schicken Landhaus der Familie mit imposantem Ausblick auf die Küste. Dort wollen die frisch Vermählten mit Verwandten und Freunden ihre Hochzeit nachfeiern. Doch Victoria nervt die Kinder mit immer neuen Regeln und lästigen Vorschriften, wobei sie den konfliktscheuen Nicolai zusätzlich um den Finger wickelt und auf ihre Seite zieht.

Ein vergiftetes Kirschenkompott

Ein Comic bringt die Kinder auf die groteske Idee, einen Auftragskiller anzuheuern, der die lästige Stiefmutter beseitigen soll. Nach Recherchen im Internet stoßen sie in einem Fitnessclub in Bergen auf den bosnischen Flüchtling Carl (Leo Ajkic), den sie für ein Mitglied der Balkanmafia halten. Obwohl Carl zwei Kinder und seine Mutter zu versorgen hat, weigert er sich, den Auftrag zu übernehmen. Notgedrungen werden die Geschwister selbst aktiv. Mit einem vergifteten Kirschenkompott wollen sie Victoria loszuwerden. Doch dann isst die Großmutter väterlicherseits (Agnete G. Haaland) davon. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass das Kompott gar kein Gift enthält. Als die wohlhabende alte Dame aber den grotesken Plan der Kinder durchschaut, macht sie keinen Aufstand, sondern sagt ihnen vielmehr ihre Unterstützung zu.

Derweil geraten Carl und seine Familie in eine finanzielle Notlage. Denn das Sozialamt hat ihm das Wohngeld gestrichen, da Carl eigenmächtig seinen Job gekündigt hat. So erklärt er sich doch zu dem Mord bereit. Allerdings gibt es bei der opulenten Hochzeitsfeier dann ein paar Komplikationen.

Die „Boni“ der neuen Mutter

Die heile Familienwelt, die in der Landhausidylle und der sommerlichen Atmosphäre in den Bergen stets heiter und ausgelassen wirkt, erweist sich schnell als brüchig. Die Stiefmutter, die „Bonusmutter“ genannt werden will, beginnt mit ihrem beigen Farbcode-Tick und perfektionistischen Styling das Haus sofort umzukrempeln. Mit ihren rigiden Erziehungsmaßnahmen stößt sie die Kinder immer wieder vor den Kopf. Zudem verheimlichen die Eheleute, dass sie auf Victorias Betreiben hin das von den Vorfahren der Oma gebaute Haus verkaufen wollen. Mit dem Erlös soll eine schicke Wohnung im Großraum Oslo finanziert werden. Damit aber sind weder die selbstbewusste Großmutter noch die Kinder einverstanden.

Die schrille Komödie ist zu weiten Teilen aus der Sicht der Minderjährigen erzählt, die sich trotz oder vielleicht gerade wegen ihres absurden Plans gut als Identifikationsfiguren für die junge Zielgruppe eignen. Denn die flotte Inszenierung macht von Anfang an klar, dass es hier nicht um Realismus geht. Gunnarsdóttir inszeniert stets „over the top“. Sie setzt konsequent auf schwarzen Humor, spielt mit einer überzogenen Figurenzeichnung und schreckt auch nicht vor ruppigen Gags zurück. Zudem erweisen sich die Geschwister dialogisch als sehr schlagfertig.

Der Kampf ums Smartphone

Zum Antirealismus der Komödie passen die häufig eingestreuten Visionen, in denen sich die Ängste der Kinder und anderer Protagonisten gleichsam materialisieren. Als Henrik sich ausmalt, dass er wegen des mörderischen Plans ja auch im Gefängnis landen könnte, zeigt ihn die Kamera zwischen muskelbepackten Kriminellen in einer engen Zelle. Und als Carl in die Armut abzurutschen droht, sieht man seine beiden Kinder und seine Mutter mit einem Koffer vor ihrer Wohnung im Schneetreiben stehen und zittern.

Kommunikativ ist der Film ganz auf der Höhe der Zeit. Vor allem soziale Medien spielen eine Schlüsselrolle. So hängen die Kinder ständig am Smartphone oder starren auf ihre Tablets; sie nutzen Insta oder schauen YouTube-Videos. Ein Smartphone-Verbot, das die Kinder als Entrechtung einstufen, bringt das Fass zum Überlaufen. Es ist der Anstoß zum schrillen Mordplan, der von vornherein aussichtslos erscheint. Das Verbot wirkt umso krasser und scheinheiliger, als Victoria selbst ihr Geld via Instagram verdient.

Alle Darsteller, die jungen wie die älteren, tragen in ihren Auftritten durchweg dick auf und füllen das gewagte Konzept erfolgreich mit Leben. Das zeigt sich besonders an der spannendsten Figur Carl, dessen moralisches Dilemma Leo Ajkic mit großer Präsenz verkörpert. An ihm ist es auch, die Vorurteile der gutbürgerlichen Kinder ins Visier zu nehmen, wenn er ihnen entgegenhält: „Nur weil ich ein Migrant bin, denkt ihr, dass ich Menschen für Geld umbringen würde. Widerlich!“

Ein offenes Ende

Im Finale nimmt die Komödie mit einer actionreichen Verfolgungsjagd noch einmal kräftig Fahrt auf. Wenn es besonders turbulent zugeht, drängt sich die Musik von Olav Øyehaug etwas zu sehr in den Vordergrund. Um die Bedenken von Pädagogen und besorgten Eltern zu entkräften, verzichtet der Film auf ein konventionelles Happy End und wirft stattdessen Fragen nach Ethik und Gerechtigkeit auf.

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