Drama | Deutschland/Polen/Belgien 2024 | 112 Minuten

Regie: Ido Fluk

Anfang der 1970er-Jahre kommt die Kölner Jugendliche Vera Brandes in Kontakt mit internationalen Jazz-Größen und erweist sich als Naturtalent für die Organisation von Auftritten. 1975 gelingt ihr mit einem Solo-Auftritt von Keith Jarrett in der Kölner Oper ein besonderer Coup, der trotz der improvisierten Rahmenbedingungen Jazzgeschichte schreibt. Der Historienfilm erzählt mit einigen Freiheiten die Geschichte um das „Köln Concert“ nach und widmet sich sowohl der umtriebigen jungen Organisatorin als auch dem versierten Künstler. Als rasante, mit Illusionsbrüchen hantierende Komödie über Improvisation und Selbstermächtigung hält der Film etliche Überraschungen parat. - Ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland/Polen/Belgien
Produktionsjahr
2024
Produktionsfirma
One Two Films/Extreme Emotions/Lemming Film/Alamode Filmprod.
Regie
Ido Fluk
Buch
Ido Fluk
Kamera
Jens Harant
Musik
Hubert Walkowski
Schnitt
Anja Siemens
Darsteller
Mala Emde (Vera Brandes) · John Magaro (Keith Jarrett) · Alexander Scheer (Manfred Eicher) · Michael Chernus (Michael Watts) · Ulrich Tukur (Dr. Brandes)
Länge
112 Minuten
Kinostart
13.03.2025
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie | Musikfilm
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IMDb | TMDB

Augenzwinkernde Historienkomödie um die jugendliche Organisatorin von Keith Jarretts legendärem „Köln Concert“ in den 1970er-Jahren.

Veröffentlicht am
12.03.2025 - 16:38:13
Diskussion

Wenig liebt die konservative Jazz-Community mehr als all die Anekdoten und Mystifikationen, die über ihre Helden und (weitaus seltener) Heldinnen und deren Meisterwerke kursieren. Dazu gehört auch die vielfach kolportierte, äußerst schwierige Entstehungsgeschichte rund um Keith Jarretts legendäres, kommerziell höchst erfolgreiches und doch vom Künstler selbst wenig geschätztes „Köln Concert“. Was Jarrett am späten Abend des 24. Januar 1975 auf der Bühne der ausverkauften Kölner Oper an einem minderwertigen und nur notdürftig reparierten Stutzflügel widerfuhr, geriet in der Folge zu einer Verdichtung des Zeitgeistes, der als Parfüm der Mittsiebziger, des Post-Revolutionären und der Neuen Innerlichkeit von Robert Wilson („Death, Destruction, and Detroit“) bis Nanni Moretti („Liebes Tagebuch“) zuverlässig abgerufen werden konnte.

Derart reich an Anekdoten sind dieses Konzert und sein Zustandekommen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie zum Filmstoff werden würden. Mit „Köln 75“ von Ido Fluk hat es nun 50 Jahre gedauert. Regisseur und Drehbuchautor Fluk beschränkt sich pragmatisch auf die Vorgeschichte des Konzerts, kommt zudem ohne einen Ton der bekannten Musik von Keith Jarrett aus und verschiebt die Perspektive in gut Brecht’scher Manier vom Künstler-Genie auf diejenigen, die es ermöglichen. Diejenigen, die die Bühnen bereiten, die die Klaviere stimmen, die die Schallplatten produzieren, die den Tourbus fahren. Und nicht als faktenseriöses Doku-Drama, sondern eher augenzwinkernd als Märchen. Gralshütern der Jazz-Geschichte mag das eine Prise Ironie zu viel sein, erfrischender und unterhaltsamer als das üblich gewordene Re-Enactment von längst Bekanntem ist es allemal.

Jugend und Jazz

Ido Fluk behauptet: So könnte es gewesen sein. Es war einmal ein britischer Jazzmusiker mit Namen Ronnie Scott, der gastierte so um 1971 mit seinem Trio im legendären Kölner Eis-Café von Gigi Campi. Bei dieser Gelegenheit lernt Scott die kecke, selbstbewusste und quirlige Vera Brandes (Mala Emde) kennen, die sich aus unerfindlichen Gründen trotz ihrer Jugend für die „Museumsmusik“ Jazz begeistert. Beeindruckt von Brandes’ Temperament, beauftragte Scott die Teenagerin Vera, ihm eine Tour zu buchen, weil, so der Musiker, ihr niemand etwas abschlagen könne. Völlig unerfahren entscheidet sich Vera neben der Schule für „Learning by Doing“, hierbei heimlich auf das Telefon in der väterlichen Zahnarztpraxis zurückgreifend. Nach anfänglichem Scheitern gelingt es Vera tatsächlich, die Tour zu buchen. Ihr Honorar bestärkt sie, am Ball zu bleiben und sich improvisierend einen Ruf als Konzertveranstalterin zu erarbeiten.

Schon 1974 kann sie die Konzertreihe „New Jazz in Cologne“ mit Jazzgrößen wie Oregon, Pork Pie und Gary Burton auf die Beine stellen. Das finale, fünfte Konzert der Reihe soll ein Solo-Auftritt von Keith Jarrett (John Magaro) sein, der Brandes als Solist auf den „Berliner Jazztagen“ begeistert hat. Um ein Late-Night-Konzert in der Kölner Oper zu veranstalten, geht Brandes mit der Saalmiete mit subversiver Hilfe der Mutter (Jördis Triebel) in persönliche Vorleistung und setzt buchstäblich ihre Zukunft aufs Spiel. Dass das Konzert am 24. Januar 1975 unter widrigsten Bedingungen überhaupt stattfindet, verdankt sich wohl unter anderem der Tatsache, dass Ronnie Scott in seiner Einschätzung des Charismas und der Kondition von Vera Brandes richtiggelegen hat. Denn je näher der Zeitpunkt des Konzertbeginns rückt, desto mehr gerät „Köln 75“ zu „Vera rennt“. Hier noch ein kurzer Besuch beim WDR, um Werbung für das Konzert zu machen, dann die Suche am Freitagnachmittag nach dem Verbleib des versprochenen Flügels, nach einem vollwertigen Ersatzinstrument, nach Klavierstimmern sowie die Straßenwerbung per Handzettel.

Ein minderwertiger Flügel als Chance

In der entscheidenden Szene des Films weist die improvisierende Konzertveranstalterin das zuverlässig hadernde Improvisationsgenie Keith Jarrett darauf hin, dass gerade der minderwertige Flügel eine Chance sei, sein Improvisationstalent zu beweisen. Und vielleicht, so steht zu vermuten, ist es gerade Jarretts kreativer Umgang mit den klanglichen Limitationen des Flügels, der zu den Hitqualitäten des „Köln Concert“ geführt hat. Gerade im direkten Vergleich zu anderen dokumentierten Solo-Auftritten Jarretts, die deutlich avancierter ausfallen.

Im Gegensatz zum Publikum, das sich ins „Köln Concert“ verliebte, war Jarrett selbst von seiner Leistung enttäuscht. Nur konsequent, dass er seine Musik für den Film nicht freigegeben hat. Was bedauerlich ist, aber dem Film selbst keinen Abbruch tut, weil der Beginn des Konzerts das Ende des Films bezeichnet. Vera Brandes hat gerackert und gerackert und wird schließlich belohnt. Wie das Kölner Publikum und nicht zuletzt das Label „ECM“, das einen Megaseller serviert bekam.

„Köln 75“ ist also kein Jazzfilm, sondern eine teilweise rasante, mit der Aufhebung der vierten Wand spielende Komödie über Improvisation und Selbstermächtigung, die viel Schwung aus der antiautoritären Revolte von 1968 mitgenommen hat. Wenn schon nicht Jarrett zu hören ist im Film, so aber doch Avantgarde-Rock von Can und Polit-Rock von Floh de Cologne. Die jugendliche Clique, LSD und die Neue Frauenbewegung liefern das Hintergrundrauschen. Ein zentraler Konflikt des Films könnte die Variation eines „Ton Steine Scherben“-Songs sein: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“. Den Karrierevorstellungen ihres Vaters (Ulrich Tukur), einem Patriarchen alter Schule, entspricht der Job als Konzertveranstalterin nun ganz und gar nicht. Er sieht Vera eher als Zahnärztin, Diplomatin oder Richterin. Und dass sie noch nicht einmal zwanzigjährig der Lokalpresse bereits als „alter Jazzhase“ gilt, macht die Sache nicht einfacher. Vom Vater wird sie als Hure beschimpft. Eine Rahmenhandlung stellt zudem klar, dass die Enttäuschung des Vaters auch Jahrzehnte später nicht verpufft ist.

Die Vision von freier Improvisation

Obschon Vera Brandes im Fokus des Films steht, gibt es auch noch eine Nebenhandlung in „Köln 75“, die um Keith Jarrett und seine Vision von freier Improvisation kreist. Das Kölner Konzert war das fünfte im Rahmen einer elftägigen Europatournee Jarretts als Solist. Am Abend vor Köln spielte er in Lausanne, am folgenden Abend in Baden in der Schweiz. Begleitet vom Musikproduzenten und „ECM“-Labelchef Manfred Eicher und einem (fiktiven) fantasievollen Jazz-Journalisten (Michael Chernus), dem ein Interview mit dem wortkargen Künstler versprochen wurde, bewältigt das Trio in einem R4 hunderte Kilometer zwischen den Auftrittsorten. Diese Road-Movie-Atmosphäre mit Rückenschmerzen, Übermüdung, Selbstausbeutung und weitgehend befolgtem Schweigegebot nutzt der Film trotzdem, um die erstrebte Voraussetzungslosigkeit der freien Improvisation zu skizzieren. Auch ist für ein Kurzreferat über Improvisation im Jazz und in der Klassik Zeit. Und nicht zuletzt hat sich Alexander Scheer den bekannten Duktus Manfred Eichers angeeignet, was sein Spiel zu einem ganz besonderen Vergnügen macht. Scheer nutzt hier eine weitere Gelegenheit, sein Kabinett gespielter Pop-Ikonen zu erweitern.

„Köln 75“ hat allerlei Überraschungen in petto, mit denen nicht zu rechnen war. Und das „Köln Concert“ kann man sich schließlich nach dem Kinobesuch zuhause selbst auflegen. Ist übrigens nicht so toll. Da hat Keith Jarrett Recht.

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