An Peter Pan, der Geschichte des Jungen, der nicht erwachsen werden will und zusammen mit seinen Geschwistern von Feen in das Zauberreich Nimmerland entführt wird, haben sich schon verschiedene Regisseure versucht. Ausgerechnet Steven Spielberg, Hollywoods Peter Pan, war es dabei nicht gelungen, das Wesen und den Charme der Geschichte zu vermitteln („Hook“, fd 29 451), aber auch P.J. Hogan scheiterte mit seiner märchenhaften Version „Peter Pan“
(fd 36 431), während Disneys Zeichentrickfilm „Peter Pan’s heitere Abenteuer“ (fd 2934) aus den 1950er-Jahren bis heute überzeugt. Überraschenderweise hat sich nun Marc Forster des Stoffs angenommen, der mit dem Rassismus-Drama „Monster’s Ball“
(fd 35 563) so viel Aufsehen erregt hatte. Doch diesmal geht es nicht um James M. Barries hundert Jahre altes Theaterstück, das den meisten Verfilmungen und Comic-Versionen zugrunde liegt, sondern um Barrie selbst, der, so die Prämisse des Films, der eigentliche Peter Pan war – wie Allan Knees Theaterstück nahe legt, das wiederum dem Film voraus ging und sich an Barries Biografie mehr oder weniger anlehnt.
Barrie ist zwar in London ein namhafter Bühnenautor, aber soeben mit seinem neuen Stück durchgefallen. Als er die junge Witwe Sylvia und deren vier Söhne kennen lernt, ist er sofort von allen angetan. Den Halbwaisen zum Trost, aber durchaus auch zum eigenen Vergnügen, ersinnt er dauernd neue Abenteuer mit Piraten und Indianern, die er mit ihnen durchspielt, und die auch in Barries Leben immer mehr Raum einnehmen. So kommt es, dass er beispielsweise in voller Kriegsbemalung vor Sylvias grantiger Mutter steht. Auch seine Frau kann Barries Spieltrieb nichts abgewinnen, was die Ehe zunehmend gefährdet. Es dauert nicht lange, bis Gerüchte über eine allzu enge Beziehung zwischen Sylvia und Barrie die Runde machen. Unverdrossen gibt sich Barrie seinen Fantasie-Reichen hin. Je stärker die realen gesellschaftlichen Zwänge werden, desto mehr entzieht er sich ihnen. Marc Forster gelingt es auf gefühlvolle Weise, diesen Gemütszustand zu vermitteln und sympathisch erscheinen zu lassen, aber auch, die Vorbehalte der Mitmenschen vor dem Hintergrund der naiven, gut gemeinten und hinreißenden Fantasie des verspielten Autors als kleingeistig und übertrieben darzustellen. Was nicht heißt, dass Barrie im Film die Wirklichkeit nicht nutzt. Ähnlich wie einst Milos Forman die keifende Schwiegermutter in „Amadeus“
(fd 24 828) zur Königin der Nacht mutieren ließ, wird aus Sylvias ständig maulender Mutter der einbeinige Piratenkapitän Hook. Johnny Depp stellt Barrie dennoch nicht als weltfremden Autor dar, sondern als mitfühlenden Geist, der die Kinder mit ihrer Vorstellungskraft und seine eigene geistige Freiheit über alles stellt. Kate Winslet als für ihre Zeit sehr selbständige Sylvia genießt sichtlich die Zuwendung, die Barrie den Kindern und ihr zukommen lässt, während Julie Christie als missmutige Großmutter eine eher starre Rolle auszufüllen hat. Radha Mitchell als Barries Ehefrau dagegen wirkt keineswegs so verständnislos und wenig liebenswürdig, wie man sie auch hätte zeichnen können, und Dustin Hoffmans Part beschränkt sich auf einige altersmilde Bemerkungen und Seufzer als Theaterleiter. Bemerkenswert sind auch die Leistungen aller Kinder.
„Wenn Träume fliegen lernen“ – oder „Finding Neverland“, wie der Originaltitel verspricht – ist ein Kostüm- und Ausstattungsfilm, gerade in den Fantasie-Sequenzen. Doch all die schönen Entwürfe dienen allein dazu, die mal gegensätzlichen, mal ganz ähnlichen Wirklichkeitsebenen miteinander zu verweben. Das Tempo ist von einer gewissen Beschaulichkeit gekennzeichnet, der man jedoch zugute halten kann, dass sie eben nicht übermäßig dramatisiert, nicht mal beim melodramatischen Ende. Dennoch fesseln und amüsieren die zentralen Szenen, etwa die Uraufführung des mit großer Skepsis erwarteten Stücks „Peter Pan“, bei der mit Hilfe der Fantasie sogar unterschiedliche gesellschaftliche Klassen zueinander finden. Weit mehr als beispielsweise Spielbergs direkte Auseinandersetzung mit Barries Werk gelingt es Forster, dem Faszinosum von Peter Pan auf die Spur zu kommen und etwas davon zu vermitteln, was bis in die heutige Zeit strahlt.