© Oberon Media/La Claqueta (Ausschnitt aus dem Plakat zu "Los Tortuga")

Das Filmfestival in Málaga

Beim Festival des spanischen Films in Málaga stammten mehr als die Hälfte der Wettbewerbsfilme von Frauen. Die erzählten mit frischem Realismus von Selbstbestimmung und dem Strukturwandel im Land.

Aktualisiert am
27.03.2025 - 13:57:06
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Beim 28. Festival des spanischen Films in Málaga (14.-23.3.2025) überraschten vitale Filme von jungen Regisseurinnen, die mit frischem Realismus von Strukturwandel und Selbstbestimmung erzählten. Der spanische Film ist vielfältiger geworden, auch regionaler, mit einem wachsenden Anteil an baskischen, katalanischen und sogar galicischen Produktionen. Der große Preis ging an „Sorda“ von Eva Libertad, die SIGNIS-Jury zeichnete „Los Tortuga“ von Bélen Fuentes aus.



Als die Stadtverwaltung von Málaga 1998 ein „Festival des spanischen Films“ ankündigte, erwarteten viele lediglich eine Werkschau der großen Produktionsfirmen mit konventionellen Genrefilmen und Komödien, die außerhalb Spaniens niemanden interessieren. Doch das Festival hat sich in den Jahren seitdem gemausert; der spanische Film ist vielfältiger geworden, regionaler, mit einem wachsenden Anteil baskischer, katalanischer und sogar galicischer Produktionen. Zudem ist er deutlich weiblicher geworden. Während man anfangs Werke von Filmemacherinnen noch an einer Hand abzählen konnte, macht heute eine junge Generation spanischer Regisseurinnen weltweit von sich reden.


SIGNIS-Preis für „Los Tortuga“

Beim 28. Festival in Málaga (14.-22.3.2025) wurden insgesamt 260 Filme gezeigt. 15 spanische und sieben lateinamerikanische Filme konkurrierten um die „Goldene Dolde“. Auch SIGNIS, die katholische Filmorganisation, vergibt seit 2010 einen Preis in Málaga. Die Jury zeichnet dabei keine Filme mit vordergründig religiösen Bezügen aus; es geht vielmehr um die Vermittlung von Werten. Oder, wie es der SIGNIS-Betreuer Jesús de la Llave formulierte: „Wir suchen einen Film, der an menschliche Werte appelliert, an Solidarität oder an Dinge, die mit Liebe und Familie zu tun haben. Wenn transzendente oder sogar christliche Dimensionen mit ins Spiel kommen, umso besser.“ Mitglieder der diesjährigen Jury in Málaga waren Rosa Die Alcolea und Teresa Ekobo sowie der Autor dieser Zeilen.

In „Los Tortuga“ werden schwarze Oliven von den Bäumen geschüttelt; später, nach getaner Arbeit, wird das frische Öl verkostet. Weihnachten ist Erntezeit. Die ganze Familie hilft mit, auch Anabel, die eigentlich in Barcelona lebt. Sie hat vor Kurzem ihren Vater bei einem Unfall verloren.

In dem Film der katalanischen Regisseurin Belén Fuentes geht es um das Thema Trauer; Anabel findet keinen Zugang zu ihrer Mutter, mit der sie gemeinsam trauern will. Denn während die Tochter nach Erinnerungen an den Vater sucht, vermeidet die Mutter fast panisch jeden Blick zurück. „Los Tortuga“ ist aber auch ein Film über Migration, denn während Anabels Vater wie viele junge Andalusier in die Industriestadt Barcelona auswanderte, verließ die Mutter Delia ihre chilenische Heimat, um in Spanien ihr Glück zu suchen.

Antonia Zegers, Elvira Lara in "Los Tortuga" (Oberon Media/La Claqueta)
Antonia Zegers, Elvira Lara in "Los Tortuga" (© Oberon Media/La Claqueta)

Es ist aber auch ein Film über die Gentrifizierung der Städte und den Strukturwandel auf dem Land. Während das goldgelbe Olivenöl die ländlichen Familienbetriebe kaum noch ernähren kann, kann Delia mit ihrem Taxi den Lebensunterhalt und das Studium ihrer Tochter nicht mehr finanzieren.

Die verschiedenen Ebenen des Films – die Trauer, der Mutter-Tochter-Konflikt, die Großfamilie, die Umwälzungen auf dem Land und in der Stadt, sind still und eindringlich miteinander verbunden. „Los Tortuga“ wurde mit dem SIGNIS-Preis ausgezeichnet, weil, so die Begründung der Jury, „er die Geschichte einer migranten Familie einfühlsam und voller Schönheit erzählt. Dabei hebt er auch die Bedeutung von Werten hervor, etwa familiäre Bindungen, die Weitergabe von Tradition und Religion über die Generationen oder die Familie als Ort der Begegnung und des Austauschs. Zudem thematisiert der Film Solidarität und Freundschaft, die Bedeutung der Trauer, das Recht auf eine Wohnung, den Zugang zu Bildung sowie Verarmung und Marginalisierung.“


Mit autobiografischen Wurzeln

„Los Tortuga“ wurde in Málaga auch von der Internationalen Jury mit einem Spezialpreis der Jury bedacht; dazu kamen die Preise für die beste Regie und das beste Drehbuch. Es ist ein sozialkritischer, aber auch sehr lebensbejahender Film mit starken autobiografischen Wurzeln; Belén Funes wurde wie die Protagonistin als Tochter andalusischer Einwanderer in Barcelona geboren.

Die 41-jährige Belén Funes gehört zu einer neuen Generation spanischer Filmemacherinnen, die Gesellschaftskritik mit starken autobiografischen Bezügen verbindet und auf internationalen Filmfestivals sehr erfolgreich ist. Viele ihrer Geschichten spielen im ländlichen Raum. Über den persönlichen Zugang vermitteln ihre Filme oft eine subtile Sozialkritik, etwa am Strukturwandel auf dem Land oder an der mangelnden Inklusion in der spanischen Gesellschaft.

In diesem Jahr haben die Regisseurinnen beim Festival in Málaga erstmals ihre männlichen Kollegen überflügelt: Von den 22 Wettbewerbsfilmen stammen 13 von Regisseurinnen, und auch die Zahl der Produzentinnen übersteigt die der Produzenten. Die Filmemacherinnen erzählen mit frischem Realismus von Strukturwandel, sexueller Selbstbestimmung und dem Leben mit körperlichen Behinderungen.

Obwohl in den Filmen das Dorf oftmals als Synonym für Heimat, Identität und Erinnerung steht, spielen auch die Gentrifizierung der Städte oder neue urbane Subkulturen eine wichtige Rolle, etwa die Freestyle-Rapper-Szene in Barcelona. Charakteristisch für die spanischen Filmemacherinnen ist ein behutsamer Umgang mit Gefühlen, Effekten und Musik sowie eine oft fast dokumentarische Annäherung an die Protagonistinnen.


Eine rare Übereinstimmung

Die persönliche Betroffenheit war auch der Ausgangspunkt für den Debütfilm „Sorda“ von Eva Libertad. Die Regisseurin entwickelte ihre Geschichte aus den Erfahrungen ihrer gehörlosen Schwester und deren Kinderwunsch. Der Film erzählt vom schwierigen Zusammenleben von Gehörlosen und Hörenden. Die gehörlose Schauspielerin Miriam Garlo ist dabei nicht nur die Schwester der Regisseurin, sondern auch eine großartige Mimin, die für ihre Verkörperung der gehörlosen Mutter als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Sie ist die erste gehörlose Schauspielerin, die in Spanien einen Preis erhielt.

Bester Film in Málaga: "Sorda" von Eva Libertad (Distinto Films))
Bester Film in Málaga: "Sorda" von Eva Libertad (© Distinto Films))

„Sorda“ gewann in Málaga den Publikumspreis und wurde gleichzeitig als bester Film ausgezeichnet; eine rare Übereinstimmung zwischen Publikum und offizieller Jury, die in Málaga bislang nur einmal, vor 20 Jahren, vorgekommen ist.


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