2020 präsentierte Burhan Qurbani mit „Berlin Alexanderplatz“
eine ungewöhnliche Romanadaption, in der er Franz Biberkopf als afrikanischen
Flüchtling besetzte. Jetzt läuft sein neuer Film „Kein Tier. So Wild.“ in der
Reihe „Berlinale Special“. Auch hier setzt sich der Sohn afghanischer
Kriegsflüchtlinge mit einem Klassiker der Weltliteratur auseinander: mit
William Shakespeares Königsdrama „Richard III.“ Das spielt im gegenwärtigen
Berlin als Krieg zweier arabischer Clans.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Königsdrama von Shakespeare ins Berlin der Gegenwart zu übertragen?
Burhan Qurbani: Shakespeare hat mich immer begleitet. Wenn man das Privileg hat, in Deutschland aufzuwachsen und eine humanistische Erziehung am Gymnasium zu genießen, dann wächst man auch mit den Stücken von Shakespeare auf. Richard III. ist der ultimative Einzelgänger im Universum von Shakespeare. Der bucklige, drittgeborene, ungewollte Sohn hat nie eine Chance, König zu werden. Daraus entwickelt sich eine große Wut, die ihm hilft, sich mit perfider Eleganz, großem Charme und viel Humor seinen Weg in die Mitte zu bahnen. Damit konnte ich mich als junger Mensch, der eben auch zu den Neuangekommen gehörte, irgendwie identifizieren – sowohl mit der Außenseiterposition als auch mit der Wut, die entstehen kann, wenn man immer nach außen gedrückt wird.
Sie tauschen nicht nur die Zeit der Handlung, aber auch die Geschlechter der Protagonisten. Aus dem buckligen Richard wird die Anwältin Rashida. Beide sind Figuren, die in der Männer- und Kriegergesellschaft einen schweren Stand haben.
Qurbani: In dem berühmten Richard-III.-Monolog, in dem er über seinen Buckel spricht, heißt es, dass er von der Natur vernachlässigt, zu früh geboren und nicht ganz fertig sei. Das lässt sich gut übertragen – sowohl in der Körperlichkeit als auch in der Position der Frau innerhalb der Gesellschaft, die so testosterongesteuert und toxisch männlich ist.
Bein Transfer in die Gegenwart, in den blutigen Kampf zweier arabischer Clans, behalten Sie aber die Sprache von Shakespeare bei. Warum?
Qurbani: Wir reden in „Kein Tier. So Wild.“ viel über Macht und Machtstrukturen. Zum Beispiel sagen wir, dass die Könige, die Lords und Ladies von früher im Grunde auch nur reiche Gangster waren. Deshalb hat die Übersetzung in die Berliner Bandenkriege gut funktioniert. Diese Menschen, die alle einen migrantischen, arabischen Hintergrund haben und mit ihren Kriegserfahrungen hier ankommen, ermächtigen sich der deutschen Sprache; sie übernehmen sie einfach. Wir stellen so die Klischees vom Kopf auf die Füße, denn das gibt ihnen auch eine andere Form von Macht, nämlich Macht über Sprache zu haben und die Sprache der Mächtigen zu sprechen. Das hebt diese Figuren aus dem Unrat der Straße in die hohen Häuser der Adeligen – oder sagen wir, in die eleganten Anwesen der Oberschicht in Deutschland.
Wie war es für Sie, nach „Berlin Alexanderplatz“ erneut mit einer bekannten literarischen Vorlage zu arbeiten?
Qurbani: Ich persönlich wehre mich sehr stark dagegen, etwas zu kopieren oder ein zweites Mal zu machen. Als wir anfingen, an dem Stoff zu arbeiten, merkte ich plötzlich, dass das ganz ähnlich ist wie bei „Berlin Alexanderplatz“ und ich Gefahr laufen, der Typ zu werden, der Alfred Döblin und William Shakespeare und irgendwann vielleicht auch das Berliner Telefonbuch in die Gegenwart übersetzt und daraus eine Migranten-Geschichte macht. Deshalb habe ich mit meinem Team überlegt, im Film einen krassen formalen Bruch zu machen, so als würden wir wirklich auf eine Bühne gehen. Im letzten Drittel des Films sind wir in einer ganz anderen, einer inneren Welt, die sehr stilisiert, künstlich und artifiziell ist. Obwohl das scheinbar näher am Theaterstoff ist, entwickelt sich dies filmischer als der Film, den wir davor erzählt haben. Denn die Kamera ist plötzlich viel dynamischer und entfesselter. Und auch die Schauspieler können sich freier bewegen, weil viele Bühnendarsteller sind, die diesen Raum besser bespielen können als den Filmraum, wo man auf Marke treten muss, die Requisite nicht umschmeißen und auch nicht so frei improvisieren darf.
Stand dieses ästhetische Konzept von vornherein fest?
Qurbani: Man kann sich zu so einem Konzept nicht erst spontan auf dem Set entschließen. Wir haben im August gedreht. Im Januar war uns klar, dass wir es so machen wollten. Ich bin erstaunt über den Mut der Produzentinnen, dass sie uns das haben machen lassen. Mit uns meine ich mein kreatives Team, meinen Kameramann Yoshi Heimrath und meine Szenenbildnerin Jagna Dobesz. Jetzt müssen wir herausfinden, ob das funktioniert und ob es sich erzählerisch gelohnt hat.
Der Film vermeidet jeden sozialen Realismus, der das Thema Migration oft begleitet. Welche Position kann ein stilistisch so elaborierter Film in der aktuellen politischen Diskussion über Migration einnehmen?
Qurbani: Oft sind Filme, die politisch sein wollen, gerade nicht politisch, weil sie an der Oberfläche haften bleiben. Manchmal sind es hingegen gerade die Filme, die sich beispielsweise auf eine ganz kleine Familiengeschichte konzentrieren, ultrapolitisch. Ich glaube, dass „Kein Tier. So Wild.“ irgendwo dazwischen mäandert und von der Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen und der Sehnsucht einer Tochter nach der Liebe ihrer Mutter erzählt. Der Film schildert, wie ein Mädchen, das eine furchtbare Kriegserfahrung gemacht hat, diese nicht mehr loswird und darüber einen enormen Zorn entwickelt. Das ist die Seite der Medaille. Auf der anderen Seite landet der Film mit seinen Bildern mitten in der Gegenwart. Es sind Bilder von Krieg und Zerstörung. Gerade in dem abstrakten Raum, in dem sich der Film später befindet, ist es ein Schlachtfeld, das sich peu à peu verändert. Da gibt es ausgebrannte Autos und Orte, die wie Kriegsruinen aussehen. Diese Bilder evozieren im gegenwärtigen Augenblick, bei der Premiere auf der Berlinale, natürlich eine Aktualität, die vor zwei Jahren noch nicht da gewesen wäre und die in drei Jahren vielleicht auch nicht mehr da ist. Obwohl ich nicht glaube, dass der Krieg in den nächsten drei bis 80 Jahren verschwinden wird.
Die Gewalt ist im Hintergrund immer spürbar. Aber die schrecklichste Szene des Stücks und auch des Films, der Tod der Kinder, wird nicht gezeigt, sondern erzählt. Warum?
Qurbani: Wir wollten eine bestimmte Verrohung in der Gesellschaft darstellen – sowohl auf den Straßen, in den Städten und im Internet, wo wir uns beschimpfen und fertig machen, aber auch in den Fernsehnachrichten über das, was in der Welt passiert. Wenn die Wirklichkeit uns das zumutet, dann muss der Film uns das auch zumuten. Er muss einen Umgang und einen Ausdruck dafür finden. In unserem Fall ist es so, dass Gewalt so gut wie nie explizit gezeigt wird. Rashida übt als Frau nie direkte Gewalt aus. Sie übt sie aus, indem sie Menschen mit ihren Worten, also im Gespräch, zu etwas zwingt oder indem sie zuhört. Sie wird dadurch indirekt praktisch Zeugin der Gewalt und will dann auch jedes Detail wissen. Verstörend ist nicht nur das detaillierte Erzählen eines Mordes, sondern auch das lustvolle Zuhören. Wir können unsere Augen schließen, aber wir können unsere Ohren nicht zumachen.
Wie war Ihre Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern?
Qurbani: Ich habe entdeckt, wie toll es ist, mit Bühnenschauspielern zu arbeiten. Als Regisseur kann man dabei etwas loslassen und den Schauspielern mehr vertrauen, als man das sonst macht. Gerade bei so starken Texten sind sie viel tiefer im Wort und im Rhythmus drin. Sie geben einem plötzlich Inszenierungsideen, die helfen, einen Gravitationspunkt zu finden, der das alles besser beherrschbar macht. Das war eine tolle Erfahrung. Ich hatte den Luxus von Probezeit, was im Filmgeschäft sehr ungewöhnlich ist. Meine Hauptdarstellerin Kenda Hmeidan, die damals gerade am Gorki-Theater spielte, hat viel von ihrer Bühnenerfahrung mitgebracht. Maydan hat 2015 an der Kunsthochschule in Damaskus ihren Abschluss gemacht hat und gelangte ins Exil-Ensemble des Berliner Gorki-Theater. Ihre Flucht hat also praktisch über die Kunst funktioniert. Gleichzeitig hat sie auf der Bühne Deutsch gelernt. Das heißt, sie hat mit den Worten von Schiller, Goethe, Heiner Müller und eben auch Shakespeare Deutsch gelernt. Deshalb funktioniert das Bühnendeutsch, das ich ihr abverlange, auch so gut.
Was für eine Aufgabe bleibt der Kultur heute in Zeiten der Kriege und Krisen?
Qurbani: Ich kann nur über den Film sprechen. Vor ein paar Monaten hätte ich noch gesagt und daran geglaubt, dass das Kino ein Empathie-Raum ist, in dem man sich für zwei Stunden in die Haut einer anderen Person begibt und dort vielleicht zu Erkenntnissen gelangt, die einen verändern. Dass sich also andere Vorstellungen vom Leben mit den eigenen verbinden können. Heute, eine Woche vor der Bundestagswahl in Deutschland, bin ich ein Stück weit desillusioniert, was die demokratische Zivilgesellschaft betrifft. Vor allem frage ich mich, was all die Medien- und Kulturschaffenden, die Literaten, Musiker und Künstler bewirkt haben, wenn wir jetzt wieder da sind, wo wir vor fast 100 Jahren schon einmal waren.
Wie sehen Sie die Situation des deutschen Films?
Qurbani: Ich habe das Gefühl, dass in Deutschland selten Filme entstehen, die sich formal aus dem Fenster lehnen und vielleicht auch mal scheitern. Die ein Wagnis eingehen und sich an eine cineastische Versuchsabfolge heranwagen, um vielleicht eine Neugier auf mehr Experimente im Film zu wecken. Konventionelle Filme können wir inzwischen ganz gut drehen. Es ist doch interessant, dass ein absolutes Meisterwerk wie „The Zone of Interest“, einer der besten Filme der letzten Jahre, nicht in Deutschland gemacht worden ist. Und zwar schon vor zehn Jahren, vor 15 Jahren oder vor 40 Jahren. Warum hat es niemand gewagt, auf so eine geniale, aber auch experimentelle und artifizielle Art über das Unbegreifliche zu reden?