Auf einer Beerdigung den Satz „Ich werde diesen Bastard umbringen“ zu formulieren, ist eine ziemliche Ansage. Aus dem Mund von Jane Fonda gesprochen, hört er sich umso entschlossener und glaubhafter an. Die von der Hollywood-Ikone gespielte Pensionärin Claire hat mit dem Witwer Howard (Malcolm McDowell), dessen Frau da gerade zu Grabe getragen wird, eine alte Rechnung offen, die beglichen werden will. An Claires Seite gesellt sich mit Lily Tomlin bald schon die Grande Dame exzentrischer und pointierter Charakterrollen schlechthin. Die von ihr verkörperte Evelyn zeigt sich zwar, was deren Racheplan angeht, zurückhaltend, ist ihrer alten Freundin jedoch solidarisch tief verbunden. Ein Erinnerungsschatz an Anekdoten aus ihrer gemeinsamen College-Zeit in New York City verbindet die beiden Frauen, deren Lebenswege sich seit den schwerwiegenden Ereignissen vor mehr als 40 Jahren getrennt haben. Die Beerdigung ihrer gemeinsamen Freundin sowie Claires ungestilltes Rachebedürfnis bringen die beiden erneut zusammen und gleichzeitig in ein höchst unterhaltsames Spannungsverhältnis.
Ein mitreißendes Gipfeltreffen von Jane Fonda und Lily Tomlin
Es mögen zwar Jahrzehnte seit ihrem letzten Treffen vergangen sein, doch bei den Frauen stellt sich eine unmittelbar wiederaufflammende Freundschaftsenergie ein, die sich auf die Zuschauenden überträgt. Dazu gehören herrlich giftige Dialogspitzen, komödiantisch pointiert und deshalb oft so treffend, weil sie im melancholischen Schmerz über die Vergänglichkeit gründen: „Ich habe keine Enkelkinder, ich habe einen Corgi“, hören wir die anfangs äußerst ängstlich erscheinende Claire sagen. Im Furor ihres Racheplanes erleben wir Zuschauer, wie Claire kräftemäßig über sich hinauswächst und ihre Ängstlichkeit bis zu einer kühnen Zuspitzung überwindet.
Zu sehen ist, über den Rache-Plot hinaus, auch die ergreifende Freundschaft zwischen der charmant-subversiven Evelyn und einem kleinen Jungen, der wohl gerade dabei ist, seine Homosexualität zu entdecken. Evelyn, in ihrer Vergangenheit mit Frauen liiert, steht dem Jungen mit Tipps zur Lebensführung und auch tatkräftig zur Seite. Überhaupt ist Evelyn eine Frau fürs Praktische und bevorzugt es, im Leben einen pragmatischen und direkten Kurs einzuschlagen. Ein wichtiges Korrektiv ist sie, wenn es um die impulsiven Entscheidungen ihrer Freundin Claire geht. Dafür sorgen ihr kultivierter Pessimismus und übergeordneter Scharfsinn. Wird sie ihre alte Gefährtin vor allzu waghalsigen Entschlüssen bewahren können?
Ein Highlight im Oeuvre des Filmemachers
Regisseur Paul Weitz („American Pie“, „About a Boy“, „Being Flynn“, Mozart in the Jungle“) gelingt mit „Moving On“ eine schwungvolle schwarze Comedy mit Tendenz zum Melodrama, in der die Darsteller:innen Jane Fonda, Lily Tomlin und Malcolm McDowell in ihren vielschichtigen Rollen brillieren. Lakonisch, melancholisch und mit gekonnter, feinsinniger Ironie widmet Weitz sich einem Lebensabschnitt, in dem die großen Privatmythen-stiftenden Momente des Lebens hinter den Charakteren liegen, was aber nicht bedeutet, dass mit ihnen der aufregende Teil des Lebens enden muss. Sein „Moving On“ erzählt davon, wie sich ein prägendes Ereignis auch Jahrzehnte nach seinem Geschehen überwinden und psychisch verwandeln lässt. Weitermachen eben, wie der Filmtitel nahelegt.
Der teils zynische Witz, der aus „Moving On“ ein köstlich-böses Vergnügen machen, wird von einem zutiefst optimistischen Menschenbild konterkariert, das an die innere Wandelbarkeit glaubt. Die Auflösung eines alten Geheimnisses, das sich zutiefst belastend für die Beziehungen Claires zu anderen Personen, etwa zu ihrem Ex-Mann Ralph (Richard Roundtree), war, eröffnet neue Perspektiven für ein gemeinsames Leben. Wie Regisseur Weitz das Thema alte Liebe an diesem Punkt seines Films verhandelt, zeugt von Lebensklugheit und einer fundamentalen menschlichen Zugewandtheit. „Moving On“ ist mit seinen 85 Minuten ein kurzweiliges Vergnügen mit großem Tiefgang und ein Highlight im Oeuvre des amerikanischen Filmemachers.