Die bundesrepublikanische Filmgeschichte der 1980er-Jahre hat einen üblen Ruf. Biedermeierlich sei dieses Jahrzehnt gewesen, harmlos und angepasst, lauten einige der immer wieder vorgebrachten Vorwürfe. Verbunden wird dies gern mit dem frühen Tod von Rainer Werner Fassbinder im Jahr 1982, nach dem der Neue Deutsche Film seinen Schwung verloren habe zugunsten eines deutlich mehr am Publikumsgeschmack orientierten Kinos. Das Buch „Nach Fassbinder“ versucht sich an einer Revision dieses monolithischen Urteils.
Zufällige Parallelität beim Lesen von Büchern erzeugt
mitunter eigenartige Kuleschow-Effekte im Gehirn. Da wächst unerwartet zusammen,
was nicht zusammengehört. Und doch will es dann scheinen, als seien methodische
Überlegungen aus Buch A passgenaue Kommentare zu Buch B. So etwa erging es mir
mit der verspäteten Lektüre von Ulrich Raulffs epochaler Abhandlung „Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung“ und dem
zeitgleichen Lesen von „Nach Fassbinder: Das
bundesrepublikanische Kino der 1980er Jahre. Eine Revision“,
herausgegeben von Jörn Glasenapp und Francesca Pistocchi.
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An einer Stelle seiner furiosen Erzählung vom Exodus des Pferdes aus der Menschengeschichte merkt der Historiker Raulff an, dass sein Buch eigentlich „vom Stall aus“ geschrieben gehört hätte, aber leider komme auch er „von der Bibliothek her“. Selbstkritisch bekennt Raulff diesen Mangel und arbeitet sich selbstbewusst daran ab. Der gleiche Mangel kennzeichnet auch die Publikation von Glasenapp und Pistocchi, nur dass er sich dort, von den Herausgebern und Autoren unbemerkt, durch die Seiten zieht.
Eine Wolke Stallgeruch
Einzig der Beitrag von Dominik Graf, „Neon-Sehnen: Kinofilm 1980er, westdeutsch“, ist von einer gehörigen Wolke Stallgeruch umweht. Etwa wenn er schreibt: „In unser aller Filmer:innen-Leben geschahen schwere bis schwerste seelische Verletzungen, Beleidigungen, Pleiten, finale Karriereknicks der wahren Helden. Roland Klick zerschellte an ‚Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo‘ (1981), man traf auf aberwitzige Inkompetenzen im schwebenden UFO der großsprecherischen Champagner-Branche unterm Bundesrepublik-Nachtzelt. Man hat sie hingenommen, die neuen und alten Tycoons, die mit-feiernden Film-Förderer-Beamten, die germanischen Hollywood-Nerds … Sie gaben immerhin einem grelleren Kino die Chance. Mit ein oder zwei Stars konnte man damals Filme machen, die gar nicht unbedingt so gewollt waren, die aber den Geldgeber:innen quasi unterm Hintern weggezogen wurden wie ein Sitzkissen. Meine persönliche Chance dazu war ‚Die Katze‘ (1988).“
Die anderen Beiträge des Buchs widmen sich ebenfalls jenem Film- und Kinojahrzehnt, das nach dem Tod von Rainer Werner Fassbinder im Juni 1982 und dem Beginn der Ära Kohl sowohl von der damals aktuellen Filmkritik als auch dem daran anschließenden Mainstream der Filmgeschichtsschreibung mehr oder weniger unisono einerseits als provinziell und lauwarm, andererseits als lautstark mittelmäßig geringgeschätzt wurde (und wird). Es ist also der wackere Versuch einer Ehrenrettung, ausgeführt mit der erklärten Absicht, keine „Buried Treasures“ heben zu wollen, sondern eine Reihe von Erfolgsfilmen einer Neubetrachtung zu unterziehen, die von der filmwissenschaftlichen Forschung bisher links liegengelassen wurden – darunter „Die flambierte Frau“ (1983), „Männer“ (1985), „Out of Rosenheim“ (1987), „Herbstmilch“ (1989) und „Das schreckliche Mädchen“ (1990).
Mit akademischer Gelassenheit
Vor inzwischen bereits neun Jahren gab es mit der Retrospektive „Geliebt und verdrängt“ bei den Filmfestspielen von Locarno bereits einen lohnenden Versuch, die abgrundtief schlecht beleumundete Dekade der 1950er-Jahre des bundesdeutschen Films einer nachhaltigen Re-Vision zu unterziehen. Die Crux dieses „wilden Vorhabens“ brachte Rainer Knepperges damals so auf den Punkt: „Überraschend unverschämt, erotisch, frech, frivol, vulgär, bizarr sind die Filme der 1950er und frühen 1960er. Anders als ihr Ruf.“
Die Locarno-Retrospektive wie auch der dafür produzierte Katalog verdankten sich einem überschäumenden cinephilen Begehren. Sie legten es darauf an, Zuschauer und Leser zu enthusiasmieren! Die Aufsätze des aktuellen Bandes „Nach Fassbinder“ wirken dagegen seltsam ermattet: zwar ehrgeizig bemüht, den einen oder anderen akademischen Distinktionsgewinn für sich zu verbuchen, darüber hinaus aber kaum darauf aus, irgendetwas bei ihren unmittelbaren Nutzer:innen zu entfachen oder in Bewegung zu setzen.
So rumpelt Matteo Gallis Beitrag über den Berlin-Film „System ohne Schatten“ (1983) von Rudolf Thome breitbeinig durchs Gelände und trägt einigermaßen dick auf, wenn er der bisherigen Forschungsliteratur Unschärfe, Voreingenommenheit oder Nachlässigkeit bescheinigt, lediglich um die eigenen Feststellungen als origineller, präziser, ja zutreffender erscheinen zu lassen. Etwa so: „Folgt man der gängigen (Forschungs-)Literatur zum Thema [d.i. Berlin als Drehort], so ist Berlin zwischen Mauerbau und Wende fast ausschließlich in DEFA-Filmen vertreten. Bei genauerem Hinsehen sehen die Dinge etwas komplizierter aus, denn spätestens seit Anfang der 1980er Jahre entstehen einige Filme in Berlin und werden dort sogar produziert, welche neue Ansichten der geteilten Stadt anbieten, auf dringende (soziale) Fragen oder gar Notlagen eingehen, alternative Lebensentwürfe sondieren.“ (S. 42)
„Gut gebrüllt, Löwe“, möchte man dem entgegenhalten, nur dass die angemahnte genauere Betrachtung der West-Berlin-Filme zwischen Mauerbau und Wende längst Common Practice ist, was ein kurzer Blick in das seit 2012 von Jan Gympel betriebene Online-Datenbank-Portal https://www.berlinfilmkatalog.de/ auch unkompliziert bestätigt hätte.
Ein „Missing link“
Und um noch kurz beim Thema Schauplätze-Drehorte-Spielräume zu verweilen: Anzukreiden ist der Publikation auch, dass sie gänzlich arbiträr hinsichtlich der repräsentierten Filmregionen verfährt. Denn hätte sich nicht eigentlich ein Film wie „Jede Menge Kohle“ (1981) – das Kernstück aus Adolf Winkelmanns Ruhrgebietstrilogie – unbedingt aufdrängen müssen, um im Zusammenhang des westdeutschen Kinos „Nach Fassbinder“ behandelt zu werden? Ein Werk, das einerseits als filmisches Monument des langwährenden Strukturwandels des Reviers angesehen werden muss und zusätzlich auch ein filmgeschichtliches Scharnier darstellt: denn vor „Jede Menge Kohle“ war das industrielle Zentrum Westdeutschlands vorwiegend Schauplatz großer Dramen – von Veit Harlans „Der Herrscher“ (1937) über Bernhard Wickis „Das Wunder des Malachias“ (1960) bis zu Luchino Viscontis deutsch-italienischer Co-Produktion „Die Verdammten“ (1969). Danach sah man die Region zwischen Dortmund und Duisburg in Spielfilmen vor allem als abgewetzten Hintergrund derber Possen oder bittersüßer Komödien – etwa in Peter Timms „Manta – Der Film“ (1991), in Peter Thorwarths „Was nicht passt, wird passend gemacht“ (2002), aber auch in „Der Junge muss an die frische Luft“ (2018) von Caroline Link.
In „Jede Menge Kohle“, dem übersehenen „Missing link“ einer Filmgeschichte der Nach-Fassbinder-Jahre, hätte sich auf jeden Fall auch finden lassen, was Dominik Graf, vom Stall her sprechend, als den eigentlichen Spirit der bundesdeutschen 1980er-Jahre beschrieb: „Den Punk, das Lachen, die Albernheit, das Leuchten und das Verlöschen in einem.“
Literaturhinweis
Nach Fassbinder: Das bundesrepublikanische Kino der 1980er Jahre. Eine Revision. Von Jörn Glasenapp, Francesca Pistocchi (Hg.). Verlag edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag. München 2024. 174 Seiten, mit Abbildungen. 24,00 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.