Am 18. Juli startet mit „Verbrannte Erde“ der jüngste Film des 1962 geborenen Filmemachers Thomas Arslan in den Kinos. Mit Filmen wie „Dealer“, „Der schöne Tag“ und „Im Schatten“ wurde er einer der prägenden Filmemacher der sogenannten „Berliner Schule“, und Berlin würdigt ihn derzeit sowohl mit einer Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein als auch mit einer Werkschau im Kino Arsenal. Eine gute Gelegenheit für eine Begegnung mit seinem Werk.
Der Gangster Trojan, Hauptfigur in den beiden Berlin-Noirs „Im Schatten“ (2010) und „Verbrannte Erde“ (2024), ist ein schweigsamer Einzelgänger, ein Mann mit Prinzipien. In den meisten Filmen nicht nur, aber vor allem des deutschen Kinos, würden sich diese Prinzipien (Professionalität, Autonomie, detaillierte Recherche etc.) aus einer Vorgeschichte begründen und mit einer Figurenpsychologie kurzschließen. Das Kino von Thomas Arslan lebt dagegen von einem anderen Verständnis von Figur, ihr Handeln scheint immer auch einer inhärenten filmischen Logik zu folgen. In der Ausstellung zu Thomas Arslan im Neuen Berliner Kunstverein lassen sich die Gedanken, die sich der Filmemacher in der Vorbereitung zu „Im Schatten“ gemacht hat, auf eineinhalb DIN A4-Seiten nachlesen. Die in knappen Sätzen geschriebene Figurenbeschreibung – „Trojans Grundsätze, Regeln für seine Arbeit“ – evoziert unmittelbar filmische Bilder und Atmosphären. Vor allem zwei dieser Grundsätze setzen sich zueinander in Spannung und verleihen „Im Schatten“ und „Brennende Erde“ ihre prägende Form: „Warten können“ – „Beweglich bleiben“.
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Figuren beim Unterwegssein
„In Bewegung“ heißt auch die von
Birgit Kohler zusammengestellte Reihe zu Thomas Arslan, die parallel im Kino
Arsenal zu sehen ist. Anders als die Ausstellung, die sich auf die filmische Erkundung
des Berliner Stadtraums fokussiert, stellt sie das gesamte Werk vor, das sich mit
dem Western „Gold“ (2013) von der Berliner Gegenwart zeitlich wie
geografisch (nicht stilistisch) am weitesten entfernt hat. Arslans Filme sind
stark von der Bewegung aus gedacht, beim Wiedersehen auf der Leinwand wie im
Ausstellungsraum wird aber auch deutlich, dass sie das Motiv des
Handlungsfortschritts nicht brauchen, um Figuren beim Unterwegssein zu Fuß, mit
der U-Bahn, mit dem Bus, dem Auto, dem Pferd zu zeigen und dabei mit dem (meist
urbanen) Raum interagieren zu lassen. Wege sind nicht dazu da, zurückgelegt zu
werden und Figuren irgendwo hinzubringen, sie erzählen immer auch etwas, das
über den Rahmen von Plots und Figuren hinausgeht – das macht es so schön, ihnen
zuzusehen.
Die Form der Bewegung spielt dabei eine wichtige Rolle. Mit Ausnahme des Verweigerers Paul in „Im Sommer (Die sichtbare Welt)“ (1992) sind die Figuren in Arslans Filmen keine Drifter, ihr Gang ist entschieden und meist zügig, sie werden angetrieben von etwas, sei es ein Gemälde zu rauben oder etwas über die Liebe herauszufinden. So scheinen die wiederholten Begegnungen von Deniz (Serpil Turhan) und Diego (Bilge Bingül) in „Der schöne Tag“ (2001), ihre Choreografie aus Schauen, Wegschauen, Zurückschauen, Hintereinander- und Aneinander-Vorbeigehen, das Schauspiel von Observation und Verfolgung, das „Im Schatten“ und „Verbrannte Erde“ strukturiert, bereits vorwegzunehmen.
Studie über die Bewegung von Körpern im urbanen Raum
Im ersten Raum der von Marius Babias kuratierten Ausstellung wird dieses Bewegungsmuster als verbindendes Element zwischen den Filmen noch mal anders erfahrbar. Ausschnitte aus Arslans Berlin-Filmen verdichten sich durch die Präsentation auf parallel installierten Monitoren zur Multiscreen-Installation – und zu einer Studie über die Bewegung von Körpern im urbanen Raum. Die Stadt fungiert dabei als eigenständige Protagonistin und Mitakteurin, sie ist nie bloß Kulisse.
Das
Nebeneinander und – in den anderen Räumen – Gegenüber der Filme schärft dabei
den Blick auf einen anderen, in Arslans Werk bedeutsamen Aspekt: den der
Dokumentation städtischer Transformationsprozesse seit dem Berliner Mauerfall
1989.
Am
unmittelbarsten zeigen sich diese in zwei Filmen, die neben „Aus der Ferne“ (2006) zu Arslans einzigen dokumentarischen Arbeiten gehören. „Am Rand“, entstanden im November/Dezember
1990 im Rahmen eines Seminars des Dokumentarfilmemachers Peter Nestler
an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB),
folgt dem Verlauf der Berliner Mauer an den Bezirksgrenzen von
Neukölln/Treptow, Moabit/Mitte, Wedding/Prenzlauer Berg und Märkischem
Viertel/Wilhelmsruh. In Totalen, die durch Kameraschwenks verbunden sind, zeigt
sich Geschichte (und Wiedervereinigung) in Form von Brachflächen und
Abbauarbeiten: Sackgassen, unbebaute Flächen, Bagger und anderes Gerät, das
sich an Mauerresten zu schaffen macht. „Am Rand Revisited“ (2024) ist eine
Ortsbegehung 32 Jahre später und ein trauriges Dokument verpasster Möglichkeiten.
Der Neue Berliner Kunstverein präsentiert beide Filme simultan auf
gegenüberliegenden Wänden, was ganz automatisch vergleichende Blickbewegungen in
Gang setzt. Das Hin-und Herschauen zwischen den beiden Seiten nimmt dabei ein
Stück weit auch die Bewegung der Kameraschwenks mit auf.
Farben, Oberflächen, Texturen
Ganz anders, stilisierter, geformter, zieht sich durch die Spielfilme eine dokumentarische Spur, auch wenn Arslan sicher kein Stadtchronist im eigentlichen Sinn ist. Die Veränderungen des urbanen Raums von der Berlin-Trilogie „Geschwister – Kardeşler“ (1996), „Dealer“ (1999) und „Der schöne Tag“ (2001) über „Im Schatten“ bis hin zum jüngsten Film sind manifest (wie leer die Stadt damals war, wie viel offener, weniger definiert, und was die Ton-Ebene betrifft: wie viel leiser), die Privatisierung des öffentlichen Raums hat sich mit den Jahren immer stärker in das alltägliche Leben eingeschrieben.
In „Verbrannte Erde“ bestimmt der Verlust jeder Ortsspezifik die atmosphärische Temperatur des Films, die Stadt gibt sich nicht zu erkennen, sie ist nicht mehr als eine Abfolge gesichtsloser Komponenten wie Tiefgaragen, Schnellstraßen, Geschäftsgebäude und Hotels. Doch natürlich erfordert jeder Film eine eigene Idee von räumlicher Darstellung, die Entscheidung für bestimmte Drehorte, eine bestimmte Kadrage, einen Bildgestalter (mit „Im Schatten“ löst Reinhold Vorschneider den Kameramann Michael Wiesweg ab), konstruiert jeweils auch ein anderes, stets genuin filmisches Berlin.
Schauplätze sind bei
Arslan immer auch Träger von Farben, Oberflächen, Texturen, wie etwa die Wahl
der IBA-Wohnanlage im Kreuzungsbereich Kochstraße/Friedrichstraße zeigt, in der
Deniz, die Hauptfigur in „Der schöne Tag“ lebt. Der Ort, der als
seltenes Beispiel städtebaulicher Innovation gilt (Zurückgewinnung der
Innenstadt als Wohnraum, Sensibilität im Umgang mit Geschichte), widerspricht
nicht nur bestimmten Annahmen eines post-migrantischen Kinos (Kreuzberg,
Kiez-Film, gesellschaftliche Ränder etc.). Interessant ist er vor allem durch
seine Möglichkeiten für Wege und Begegnungen wie als Kompositionselement. Die Location-Fotos,
die Arslan im Vorfeld gemacht hat, verschieben den Blick von der Information
auf Farben, Geometrien und Lichtqualitäten.
Auch Kostüme sind bei Arslan mehr als das, was eine Figur am Körper trägt. Vor allem in den beiden letzten Teilen der Berlin-Trilogie sind sie für die Farbdramaturgie wie für die Wechselwirkung mit Oberflächen und Texturen (das Weiche, Warme eines Frottee-Hemds als Kontrast zu den gekachelten Wänden der U-Bahnhöfe) elementar.
Gleichermaßen konzentriert wie schwebend
Bücher, Musik und Filme, die Arslans Leben und Arbeiten begleitet und das Nachdenken über Kino geprägt haben, finden sich im Neuen Berliner Kunstverein in den Vitrinen wie auch in der um einige Filme (von unter anderem Jean Eustache, Robert Bresson und Barbara Loden) erweiterten Werkschau im Arsenal. Zu finden sind sie natürlich auch in den Filmen selbst, mal indirekt, mal direkt, aber immer, selbst im vermeintlichen Zitat, in eine neue Form gebracht, mit einer Idee verbunden (wie etwa Deniz’ Nacherzählung von Maurice Pialats Film „À nos amours“ bei einem Casting). Als Ganzes in der Ausstellung zu sehen ist „Im Sommer (Die sichtbare Welt)“ (1992), Arslans Abschlussarbeit an der DFFB und das erste Herantasten an die fiktionale Form – ein Spielfilm, der sich noch stark darin positioniert, was er alles nicht tut: klassisch narrativ erzählen, Figuren erklärbar machen.
Es gibt nicht viele Filmemacher:innen, aus deren Werk man eine Ausstellung zusammenstellen könnte, die gleichermaßen konzentriert ist wie schwebend – und in der jeder Filmausschnitt mehr ist als ein aus einem Erzählrahmen herausgeschnittenes Fragment. Der fließende Rhythmus der Bilder, Wege, Gesten und Blicke erzeugt einen eigenen Raum, in dem man Teil wird – in Bewegung.
Hinweise
Die Ausstellung „Thomas Arslan“ im Neuen Berliner Kunstverein ist noch bis zum 4. August 2024 zu sehen.
Die Werkschau „In Bewegung – Die Filme Thomas Arslans“ im Kino läuft noch bis 4. August 2024.
Thomas Arslans „Verbrannte Erde“ startet am 18.7.2024 in den deutschen Kinos.
Die älteren Werke von Thomas Arslan ab „Geschwister -Kardesler“ sind sämtlich via DVD, BD und/oder im Stream als VoD zum Laufen/Leihen beziehungsweise im Abo verfügbar. Vor allem der Streamingdienst Sooner hält für seine Abonnenten zahlreiche Thomas-Arslan-Werke bereit; Arslans jüngste Werke vor „Verbrannte Erde“, „Helle Nächte“ und „Gold“, sind im MUBI-Abo zu sehen.