Film Inspirationen

Die großen Passionen

Filme über Passionserfahrungen und Erlösung müssen nicht dezidiert religiös geprägt sein. Das Kino versteht es, menschliche (oder tierische) Erfahrungen von Schmerz und Leid mitfühlend zu thematisieren und nicht zwanghaft in Trostlosigkeit zu verfallen, sondern Auswege aufzuzeigen.

In der Osterzeit rückt die Erinnerung an den Leidensweg Jesu in den allgemeinen Fokus, seine Verhaftung, Folterung und Kreuzigung wie auch seine Erlösung. Dazu gehören für Christen wie für Andersgläubige auch stets aufs Neue die Fragen nach Sinn, Ausmaß und Überwindung des Leids, die sich angesichts des Opfers von Jesus Christus für die Menschheit naturgemäß aufdrängen.

Dieses Bild der Passion greifen auch viele nicht dezidiert religiöse Filme in mehr oder weniger freier Form auf, um von Menschen (oder mitunter auch von Tieren) zu erzählen, die ihrerseits große Leidenserfahrungen machen müssen. Die besten Passionsfilme reduzieren das Schicksal ihrer Figuren jedoch keineswegs auf Schmerz oder Hoffnungslosigkeit. Im Gegenteil: Das Versprechen einer Erlösung schwingt in diesen Filmen mindestens als Möglichkeit unterschwellig stets mit und gibt ihnen damit oft eine tröstliche und mitfühlende Stoßrichtung.

Belgien 1999 | R: Luc Dardenne | Mit: Émilie Dequenne

Rosetta

Porträt eines jungen Mädchens, das mit seiner alkoholsüchtigen Mutter am Rande einer belgischen Stadt auf einem Campingplatz haust und verbissen darum kämpft, einer geregelten Arbeit nachzugehen und nicht in die Verwahrlosung abzugleiten. Intensive Studie über eine seelische Verhärtung, die zugleich der westlichen Erwerbsgesellschaft einen Spiegel vorhält. Nahe am "Dogma"-Stil gefilmt, enthüllt sich die scheinbar einfache formale Gestaltung als reflektiertes ästhetisches Verfahren, das eine Begegnung zwischen filmischer Wirklichkeit und jener der Zuschauer ermöglicht. - Sehenswert ab 14.

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USA 2016 | R: Martin Scorsese | Mit: Andrew Garfield

Silence

Im Jahr 1640 werden zwei portugiesische Priester nach Japan geschickt, um einen Missionar zu suchen, der dem christlichen Glauben abgeschworen haben soll. Da Christen im isolationistischen Japan streng verfolgt werden, müssen sie sich bei einheimischen Katholiken verstecken, bis einer von ihnen vom Inquisitor gefangen und einer grausamen Prüfung unterzogen wird. Verfilmung des Romans von Shusaku Endo, mit der Martin Scorsese anspruchsvoll Fragen um Glauben und Zweifel diskutiert und so eine Brücke zu seinem eigenen Werk schlägt. Der visuellen Brillanz und der perfekten Ausstattung des Films stehen ein nicht immer stimmiger Erzählrhythmus und eine zu lange Einführung gegenüber, was angesichts der Einlassung auf das Thema einer rücksichtslosen Verfolgung religiöser Anschauungen aber nicht gravierend ins Gewicht fällt. - Sehenswert ab 16.
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USA 1992 | R: Abel Ferrara | Mit: Harvey Keitel

Bad Lieutenant

Ein drogenabhängiger und von seiner Wettleidenschaft gefesselter New Yorker Polizeioffizier erfährt in der Begegnung mit einer vergewaltigten Nonne eine neue Dimension der Spiritualität und am Ende in der Vision des vom Kreuz herabgestiegenen Christus Erlösung. Unerbittlich hart in der Charakterstudie eines Menschen im existenziellen Chaos, der in ungewohnter Weise eine extreme Spannung zwischen dem Blick in die Abgründe des Häßlichen und Gemeinen und der Reinheit des Spirituellen auszuhalten versucht. Der Regisseur mutet dem Zuschauer eine Erfahrung zu, die nicht so schnell abzuschütteln ist: Der Film ist bei aller Härte eine im Kino ungewöhnliche Behandlung der Frage nach der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. - Ab 18.

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USA 2013 | R: Steve McQueen | Mit: Chiwetel Ejiofor

12 Years a Slave

Beruhend auf den Memoiren von Solomon Northup, erzählt der Film die Geschichte eines Afroamerikaners, der in den USA des 19. Jahrhunderts als freier Mann in den Nordstaaten lebt, bis er entführt und als Sklave in die Südstaaten verkauft wird. Dort droht er unter der Unterdrückung und Entmenschlichung zu zerbrechen, bis es ihm gelingt, eine Nachricht an seine Familie zu übermitteln, die für seine Befreiung sorgt. Regisseur Steve McQueen fokussiert darauf, was Sklaverei mit Menschen anrichtet. Der emotionalen Wucht des Stoffs steuert er durch vielschichtige Figuren und eine kluge Inszenierung entgegen, die Raum zum Nachdenken jenseits unmittelbarer emotionaler Reaktionen schafft. - Sehenswert ab 14.

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Großbritannien 2016 | R: Ken Loach | Mit: Dave Johns

Ich, Daniel Blake

Ein 59-jähriger britischer Zimmermann erleidet kurz vor dem Rentenalter einen leichten Herzinfarkt und ist erstmals in seinem Leben auf staatliche Hilfe angewiesen. Beim Kampf mit Anträgen und Formularen lernt er eine alleinerziehende Mutter kennen, die ähnlich erniedrigende Erfahrungen mit der Bürokratie gemacht hat. Trotz komödiantischer Töne liegt die Stärke der Inszenierung im politischen Zorn, mit dem Regisseur Ken Loach die Herzlosigkeit der verwalteten Welt auf den Deregulierungswahn der Neokonservativen zurückführt. Biblische Anklänge in der Passionsgeschichte des Handwerkers sind dabei nicht zu übersehen. - Sehenswert ab 14.
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Norwegen 2008 | R: Erik Poppe | Mit: Pål Sverre Valheim Hagen

Troubled Water

Ein junger Mann hat als Teenager den Tod eines Kindes mitverschuldet. Nach seiner Haftentlassung versucht er, als Organist ein normales Leben zu beginnen, doch die Vergangenheit holt ihn in Gestalt der Mutter des toten Jungen wieder ein. Überzeugendes Psychodrama über den Umgang mit Schuld, das auf moralische Urteile über seine Figuren verzichtet. Trotz bedeutungsschwangerer Bilder und eines plakativen Showdowns gelingt dem Film durch die feinfühlige Inszenierung der Hauptfiguren ein berührender Einblick in das existenzielle Dilemma, in das die Gewalttat sowohl Täter als auch Hinterbliebene verstrickt. - Ab 16.

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Polen 2022 | R: Jerzy Skolimowski | Mit: Sandra Drzymalska

EO

Ein alternder polnischer Zirkusesel lässt sich nicht unterkriegen, als er seinen angestammten Platz in der Manege verliert und auf einer ruhelosen Odyssee durch halb Europa für vielerlei Zwecke eingespannt wird, bis er in Italien keinen Ausweg mehr zu finden scheint. Die Hommage an den existenzialistischen Filmklassiker „Zum Beispiel Balthasar“ von Robert Bresson entwirft mit einem enormen Formen- und Erzählreichtum ein kaleidoskopisches Bild der Gegenwart voller Brüche und Außenseiterexistenzen, in der alles Menschliche zur bloßen Episode degradiert ist. Im undurchdringlichen Blick des Esels wandelt sich seine Leidensgeschichte zur modernen Fabel über eine Welt ohne Ruhe und Ordnung. - Sehenswert ab 16.
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USA 2016 | R: Kenneth Lonergan | Mit: Casey Affleck

Manchester by the Sea

Ein schweigsamer Einzelgänger, der als Hausmeister in Boston arbeitet, kehrt anlässlich des Todes seines Bruders in seine kleine Heimatstadt an der US-amerikanischen Ostküste zurück. Als er die Vormundschaft für seinen 16-jährigen Neffen übernehmen muss und es zum Wiedersehen mit seiner Ex-Frau kommt, brechen tiefe seelische Wunden auf. Packendes, komplex konstruiertes Drama um Schuld und Erlösung, das in intensiven Rückblenden die ganze Tragik, Verletztheit und Schuld der Hauptfigur enthüllt. Die emotional und psychologisch genau gezeichneten, grandios gespielten Figuren halten stets die innere Spannung aufrecht. - Sehenswert ab 16.
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Frankreich 2002 | R: Roman Polanski | Mit: Adrien Brody

Der Pianist

Das Schicksal des polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman, der sich nach der Auflösung des Warschauer Ghettos monatelang in menschenleeren Ruinen versteckte und von einem deutschen Wehrmachtsoffizier vor dem Hungertod bewahrt wurde. Die authentische Geschichte dient Regisseur Roman Polanski auch zur Bewältigung seiner eigenen Vergangenheit, wobei seine beachtliche, um Wirklichkeitsnähe bemühte Inszenierung gerade dadurch nicht immer den zu Stereotypen erstarrten Bildern des Holocausts entgeht. - Ab 16.

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Kanada 1997 | R: Atom Egoyan | Mit: Ian Holm

Das süße Jenseits

Ein kleiner Ort in British Columbia verfällt in Agonie, als 14 Kinder bei einem Busunglück ihr Leben verlieren. Ein aus der Stadt angereister Anwalt versucht, das Leid der Eltern durch einen Musterprozeß in bare Münze zu verwandeln. Durch unermüdliche Überzeugungsarbeit gelingt es ihm, die meisten Betroffenen auf seine Seite zu bringen, doch bei der Vorbereitung des Prozesses scheitert er an der Lüge eines überlebenden Mädchens. Ein intensiver, eindringlicher Film über Verlust und Leid, der als Lehrbuch in Sachen überlebenswichtiger Trauerarbeit verstanden werden kann. Trotz des bewegenden Themas hält die sehr artifizielle Machart den Zuschauer zugleich auf eine gewisse Distanz und ermöglicht ihm so eine weitgehend emotionsfreie Auseinandersetzung mit existentiellen Sinnfragen.  - Sehenswert ab 16.

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USA 1941 | R: Ben Sharpsteen

Dumbo, der fliegende Elefant

Der kleine Zirkuselefant Dumbo wird wegen seiner übergroßen Ohren von allen ausgelacht und zum Außenseiter gestempelt. Nachdem er von seiner Mutter getrennt wurde, wird eine pfiffige Maus zum unermüdlich-treuen Freund, der es versteht, Dumbo zur großen Zirkusattraktion zu machen. Ein sorgfältig und detailreich gestalteter Zeichentrickfilm, der im Grunde eine tieftraurige Geschichte erzählt, bevor er Freundschaft und Nächstenliebe triumphieren läßt. Einige Stellen sind allzu deutlich auf Rührung angelegt, was spielend wettgemacht wird durch zahlreiche komische Höhepunkte, etwa den Formationsflug der Störche, das Schaumbad des Elefantenbabys, das Elefantenballett, vor allem aber die Traum-Parade der rosa Elefanten. Ein klassischer Disney-Film, verdichtet zu einer Sternstunde an Leichtigkeit und zeichnerischer Erfindungsgabe. - Sehenswert ab 6.

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USA 2001 | R: Todd Field | Mit: Tom Wilkinson

In the Bedroom

Nach dem Totschlag an ihrem Sohn, der ein Verhältnis mit einer geschiedenen Frau hatte, entwickelt sich der Alltag eines Ehepaars zum Albtraum voller gegenseitiger Anfeindungen, der in eine Verzweiflungstat mündet. Ein erschreckender Blick ins amerikanische Kleinstadt- und Familienleben, der ohne physische Gewaltausbrüche auskommt. Umso schmerzlicher werden die Formen struktureller Gewalt nachvollziehbar, durch die die intime Kenntnis des Ehepartners instrumentalisiert wird. Eine hervorragend gespielte intime Studie über die Abgründe eines Daseins, dem jäh das Zentrum entrissen wurde. - Sehenswert ab 16.

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USA 1985 | R: Steven Spielberg | Mit: Whoopi Goldberg

Die Farbe Lila

Die Emanzipation einer jungen Schwarzen in den amerikanischen Südstaaten - von der gedemütigten und mißbrauchten Hausfrau zu erwachendem Selbstbewußtsein. Steven Spielbergs erster "seriöser" Spielfilm entstand nach dem preisgekrönten Roman von Alice Walker: Ein gefühlsbetontes, handwerklich hochklassiges Kinomelodram, das die Probleme der Rassen- und Frauendiskriminierung vorwiegend auf der emotionalen Ebene abhandelt. Schauspielerisch bemerkenswert, wenn auch in der stark schematischen Charakterzeichnung vor allem der farbigen Männer eher klischeehaft. - Ab 14.

Dänemark 2003 | R: Lars von Trier | Mit: Nicole Kidman

Dogville

Auf der Flucht vor Gangstern taucht eines Tages eine junge Frau in einer kleinen Gemeinde in den Rocky Mountains auf. Nur widerwillig gewährt man ihr Asyl, doch das ihr zugebilligte Leben am Rande der Gemeinschaft muss sie sich mit jeder erdenklichen Art von Verdinglichung erkaufen. Auch der in sie verliebte Mann hält auf Dauer dem sozialen Druck der Mitbewohner nicht stand. Das Auftauchen der Gangster wird für die Geknechtete zum Akt der Erlösung. Auf einer Theaterbühne angelegtes, dreistündiges Drama, das durch eine faszinierende Kameraarbeit sowie die exzellente Montage die Grenzen des Kinos neu definiert. Erzählt wird eine Passionsgeschichte, die sich nicht nur als Tugendprobe bewährt, sondern zugleich hinter die Larve einer bis ins Mark verrotteten Gesellschaft blicken lässt. - Sehenswert ab 16.

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USA 2011 | R: Steven Spielberg | Mit: Emily Watson

Gefährten

Der Sohn eines englischen Farmers nimmt sich liebevoll und geduldig eines Wallachs an und schließt mit ihm Freundschaft, bis mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs für das Pferd eine leidvolle Odyssee beginnt. Zwischenzeitlich tritt der Junge in die britische Armee ein und hofft, das Tier an der Front wiederzufinden. Gefühlvolles, mitunter sentimentales, in der Darstellung der Kriegsgräuel aber auch drastisch-schockierendes Epos, das die Geschichte einer unzertrennlichen Freundschaft erzählt und zugleich die Absurdität des Kriegs sowie die Sinnlosigkeit verlorener Leben anklagt. In den Kriegsszenen brillant und mitreißend, fesselt der Film zwischen üppigen Panoramen und intimen Detailzeichnungen als Wiederbelebung des weit ausgreifenden, emotionalen Stils klassischer Hollywood-Epen und wird zu einem Stück fast vergessener filmischer Erzählkunst. - Ab 16.

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