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Träume & Realitäten

Eine Nachbetrachtung zu wichtigen Kinder- und Jugendfilmen, die bei der Berlinale in den „Generation“-Reihen „Kplus“ und „14plus“ zu sehen waren

Veröffentlicht am
04. April 2024
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Die Sektion „Generation“ mit ihrem Kinder- und Jugendprogramm „Kplus“ und „14plus“ strahlt weit über die Berlinale hinaus. Denn dort sind Filme aus aller Welt zu sehen, in denen junge Menschen im Mittelpunkt stehen. Die müssen ihren Platz in der Welt erst noch finden: Wer bin ich? Was will ich? Wen will ich lieben? Es geht um Beziehungen zu anderen Menschen, aber auch darum, wie man die eigenen Lebensziele und Träume verwirklichen kann.


Angeblich sind Kindheit und Jugend ja die schönste Zeit im Leben. Unbeschwert und frei. Dass dem nicht immer so ist, zeigen mitunter auch eigene Erfahrungen. Oder die politische und gesellschaftliche Weltlage. Bei der Berlinale stößt man darauf auch im Kinder- und Jugendprogramm „Generation Kplus“ und „Generation 14plus“. Seit ihrem Bestehen präsentiert diese Sektion Weltkino, das von jungen Menschen handelt, von ihren Lebensrealitäten, Träumen, Problemen, Sehnsüchten, erster Liebe und anderen Themen, die in dieser Lebensspanne wichtig sind.


Wenn man ein „Scheiß-Flüchtling“ ist

Hier begegnet man weder Jim Knopf noch Bibi und Tina, dafür aber Kindern wie Mona (Dileyla Agirman). Das elfjährige Mädchen ist Krieg und Verfolgung entkommen, musste dafür aber auch ihr Zuhause im Osten Syriens, den staubigen Bolzplatz und ihre geliebte Tante Helin zurücklassen. Nun lebt sie mit ihrer Familie in Berlin-Wedding, besucht eine Brennpunktschule und ist plötzlich „ein Scheiß-Flüchtling“. Und das in einer Klasse, in der die meisten Mädchen und Jungen einen sogenannten Migrationshintergrund haben und denen man erfolgreich eingetrichtert hat, dass aus ihnen sowieso nichts wird.

Neue Heimat Berlin-Wedding: "Sieger sein" (Stephan Burchardt/DCM)
Neue Heimat Berlin-Wedding: "Sieger sein" (© Stephan Burchardt/DCM)


In dem Film „Sieger sein“ von Soleen Yusef geht es aber nicht nur um Perspektivlosigkeit und Ausgrenzung. Die deutsch-kurdische Regisseurin erzählt vor allem davon, wie die talentierte Fußballerin Mona erst im Tor und dann in ihrer Klasse ankommt. Sie tut dies so, dass man sich einfühlen und begreifen kann, was es heißt, eine neue Heimat finden zu müssen, weil es in der alten keine Zukunft mehr gibt. Das mag zuweilen etwas vereinfacht sein, wenn etwa die Situation in Syrien beschrieben wird. Aber der Film hat Herz, Witz, eine starke Protagonistin und beeindruckt mit klaren Botschaften: „Demokratie ist kein Spaß. Menschen sterben dafür“, rüttelt Mona einmal ihre Klasse auf und gibt damit nicht nur ihren Mitschülern etwas zum Nachdenken mit.

Das „Generation“-Programm war 2024 durch Sparmaßnahmen mit insgesamt 17 Langfilmen und vier Kurzfilmprogrammen recht kompakt und im positiven Sinne überschaubar, allerdings auch nicht so prägnant wie in den Jahren davor.

Das Profil der Reihen „Generation Kplus“ und „14plus“ blieb aber unverändert. Dass Filme für Kinder und Teenager sich etwas trauen und ihren jungen Zuschauern etwas zumuten, gehört schon lange zum Selbstverständnis der Sektion, auch wenn es nicht immer auf Gegenliebe stößt. Muss man, so eine gängige Frage, Heranwachsende, besonders Kinder, auch noch im Kino mit den Härten des Lebens konfrontieren? „Solange es Dinge sind, die Menschen betreffen“, findet Sektionsleiter Sebastian Markt, „kann und soll mit ihnen gesprochen werden – auch in Form von Filmen.“

Deshalb stand im „Kplus“-Programm für Kinder im Kita-Alter neben dem niederländischen Animationsfilm „Hase und Fuchs retten den Wald“ von Mascha Halberstadt auch ein Film wie „Reinas“ über zwei Schwestern aus Lima und ihre Beziehung zu ihrem entfremdeten Vater in einer Zeit des politischen Umbruchs. Ebenfalls in Peru spielt das Drama „Raíz“, das in ruhigen Einstellungen und mit vielen Naturaufnahmen das Leben des achtjährigen indigenen Alpaka-Hirten Feliciano einfängt. Das Andendorf, in dem Feliciano mit seinen Eltern lebt, ist durch den Expansionswillen einer Minengesellschaft bedroht. Die Schule ist verwaist, viele Familien sind in die Stadt gezogen. Felicianos Eltern aber halten an ihrer traditionellen Lebensweise fest. Der Fortschritt der anderen ist ihr Untergang. Mit den Augen des Jungen blickt der Film, der für Kinder ab sieben Jahren empfohlen wurde, auf ihren Widerstand, von dessen Erfolg auch die Zukunft des Jungen abhängt.


Offen für ein anderes Kino

Filme wie „Raíz“ finden nur selten den Weg ins Kinderangebot der deutschen Kinos, weil sie nicht bunt, leicht oder spaßig genug sind oder nicht auf einer bekannten Marke basieren. Dabei sind Kinder – entgegen allen Vorbehalten eines erwachsenen (Fach-)Publikums – durchaus offen für ein anderes Kino und eigenständige Erzählweisen. Das zeigte sich in der Begeisterung der jungen Zuschauer, aber auch in unerwarteten Entscheidungen der Kinderjury, die als Zielgruppe offenbar genau wahrnimmt, was derzeit gesellschaftspolitisch los ist.

"Papillon" von Florence Miailhe (Sacreblue Productions)
"Papillon" von Florence Miailhe (© Sacreblue Productions)

So kürte sie mit „Papillon“ einen Film zum besten Kurzfilm, der in Rückblenden die Lebensgeschichte eines Holocaust-Überlebenden auffächert. An dem ebenso bezaubernden wie bedrückenden Animationsfilm von Florence Miailhe hat den sieben Jurorinnen neben den „schön gemalten Bildern“ vor allem gefallen, dass er sich klar gegen Rassismus und Antisemitismus positioniere. Und auch der zweite Kurzfilm-Preis legte den Finger auf eine wunde Stelle: „Sukoun“ handelt von einem Mädchen, das einen plötzlichen Übergriff durch eine Vertrauensperson verkraften muss. Die jordanisch-palästinensische Regisseurin Dina Naser zeigte sich bei der Preisverleihung überrascht, denn der Film war ursprünglich nicht für Kinder gedacht. Doch diese befanden nun, dass „sexualisierte Gewalt uns alle“ angehe und wünschten sich eine verstärkte Thematisierung.


Eine emotionale Achterbahnfahrt

Bei den Langfilmen interessierten vor allem Identitätsfindung und Zwischenmenschliches. Der romantische Publikumsliebling „Young Hearts“ erzählt ziemlich konfliktfrei, aber auch sehr ermutigend vom Coming-out eines 14-Jährigen. Der Film erhielt eine lobende Erwähnung, weil er „grandios“ die Botschaft „Liebe, wen immer du willst“ vermittle. Erstaunlich war auch, dass die Kinderjury dem südkoreanischen Film „It’s okay!“ den Gläsernen Bären verlieh, der mehr oder weniger in einem luftleeren Raum spielt. Die minderjährige In-young, die an einer renommierten Akademie klassischen koreanischen Tanz lernt, schlägt sich nach dem Unfalltod ihrer Mutter mit unerschütterlichem Frohsinn allein durch, bis sie in der strengen Chefchoreografin eine Ersatzmutter findet. Von dieser Annäherung erzählt der Film mit ausgezeichnet inszenierten Tanzszenen, die auch der Jury gefallen haben; am meisten beeindruckte aber „die emotionale Achterbahn“ und die Tapferkeit des Mädchens.

Wie in „Kplus“ standen auch im Jugendprogramm „14plus“ nicht die aktuellen Kriege oder die großen Weltthemen wie Rechtspopulismus, die Kluft zwischen Arm und Reich oder der Klimawandel im Vordergrund. Trotzdem war all dies vorhanden und lieferte mal mehr, mal weniger eine Folie für die Filme. So geht es in dem Dokumentarfilm „Maydegol“ um eine junge Afghanin in Iran, die dort ohne Pass lebt und von einer Karriere als Kickboxerin träumt. Regisseurin Sarvnaz Alambeigi folgt der Titelfigur ganz nah und mit allergrößtem Respekt durch ihren Alltag, wo sie immer wieder zu spüren bekommt, dass sie als Staatenlose sowie als Frau im Iran und in einer patriarchalischen Familie kaum Rechte besitzt.

Exil im Iran: "Maydegol" (Robisan Art)
Exil im Iran: "Maydegol" (© Rabison Art)

In dem eindringlichen Drama „Disco Afrika: une histoire malgache steht der 20-jährige Kwame im Mittelpunkt. Er wird unmittelbar mit der Korruption in seinem Heimatland Madagaskar konfrontiert. Wie soll er sich dazu verhalten? Der junge Mann beginnt sich mit der Geschichte seiner Familie und seines Landes auseinandersetzen, wird darüber zu einem politisch denkenden Menschen und baut sich eine Zukunft auf.


Alle Ängste loswerden

Die Frage nach dem Morgen tauchte immer wieder auf, so auch in „Quell’ estate con Irène“ über zwei 17-jährige Freundinnen, die beide schwer krank sind und auf eigene Faust ans Meer reisen. Sie wollen ihre verlorene Jugend nachholen, ihre Krankheit und die ungewisse Zukunft vergessen. Allerdings interessiert sich Regisseur Carlo Sironi mehr für schöne Posen im Sonnenlicht als für das, was in den Mädchen vorgeht. Unvergleichlich lebensnaher und vielschichtiger präsentiert „Last Swim“ seine Hauptfigur Ziba. Der Engländerin mit iranischen Wurzeln scheint alles zuzufallen: ein Abi mit Bestnoten, ein Studienplatz in Astrophysik, eine wunderbare Clique, mit der sie den Schulabschluss feiern will. Doch dann gibt es eine besorgniserregende Diagnose, die all ihre Pläne zunichtemachen könnte, was die junge Frau aber für sich behält. Im Verlauf eines Londoner Sommertags erlebt Ziba die ganze Bandbreite eines jungen Lebens, von euphorischer Lebenslust bis zum verzweifelten Wunsch, alle Ängste mit einem Schlag los zu sein – zuweilen mit ein bisschen zu vielen Zeitlupen und allzu melancholischer Musik.

Immer wieder müssen die jungen Protagonisten erleben, wie ihre Träume mit der Realität kollidieren. Doch sie setzen dem auch etwas entgegen: Humor, Freundschaft, Resilienz, Widerstand oder auch heftige Wut. Etwa wie Jeff, der in „Who by Fire“ von einem vermeintlichen Vorbild enttäuscht wird. Allerdings geht es in diesem Film weniger um die jugendlichen Figuren. Jeff, sein bester Freund und dessen Schwester begleiten meist als passive Zaungäste den Hahnenkampf zweier Männer mit zu großem Künstler-Ego. Der Film von Philippe Lesage wirkte als Jugendfilm völlig deplatziert, löste bei der Internationalen Jury aber echte Begeisterung aus, die ihn mit Tschechow und Bergman verglich und zum Siegerfilm kürte.

"Who by Fire" von Philippe Lesage (Balthazar Lab)
"Who by Fire" von Philippe Lesage (© Balthazar Lab)

Das war eine Ehrung, die dem Drama „Ellbogen“ von Aslı Özarslan eher zugestanden hätte. Das Spielfilmdebüt fußt auf dem gleichnamigen Roman von Fatma Aydemir und handelt von der Deutschtürkin Hazal, die in Berlin geboren ist, dort aber keinen Halt findet. Überall wird sie abgelehnt: beim Bewerbungsgespräch, vom Türsteher im Club, sogar von der eigenen Mutter. Dabei ist doch alles, was sie will, ein eigenes Leben. Irgendwann entlädt sich ihr Frust in ungebremster Gewalt. Sie flieht vor der Polizei nach Istanbul, in eine Stadt, in der sie sich nicht auskennt und in der sie ebenfalls mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert wird. Hazal ist eine streitbare junge Frau. Sie macht Fehler, aber sie bleibt einem im Gedächtnis. Wenn sie am Ende direkt in die Kamera blickt, wirkt das wie die Anklage einer ganzen Generation.

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